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deutsche Partei hier sehr verstärkt, und selbst die stockpreußen, welche
bisher von frankfurt nichts wissen wollten, weil sie für ihr Preußenthum
fürchteten, fangen an irre zu werden. vincke, das haupt der deutschen
Partey, ist entschieden der führer der majorität in der 2. kammer und
dürfte das ministerium und den könig, welche Beyde einem entschiedenen
schritte in dieser sache widerstreben, mit sich fortreißen. kurz ich fürchte,
daß oesterreich sich durch die letzten ereignisse deutschland gegenüber in
einer mißlichen Lage befinden und Mühe haben wird, auch nur das durch-
zusetzen, was noch vor 8 tagen ein leichtes gewesen wäre, es kömmt nun
nur darauf an, wozu sich die österreichische regierung entschlossen und
was Prokesch mitgebracht hat.
ich habe heute trautmansdorf, Westmoreland, nothomb etc. gesehen
und war heute Abend auf einem rout bey Westmoreland, wo ich ziemlich
viel Bekannte traf, Brockhausen, sanpaolo, löwenstein etc., theils neue
Bekanntschaften machte, ich suche hier möglichst das terrain kennen zu
lernen, so weit dieß in so kurzer Zeit angeht, denn morgen Abend reise ich
weiter, es drängt mich unter diesen umständen in Wien, respective olmütz
zu seyn. Auch clotilde lottum sah ich bey Westmoreland, mit einer toch-
ter, welche bereits Braut ist! ohne sie jedoch zu sprechen.
[Berlin] 13. märz mittags
ich habe Prokesch diesen morgen gesprochen, die österreichische regie-
rung hat in der deutschen Frage ihre definitive Erklärung gegeben.1 diese
besteht in einer eintheilung deutschlands in kreise, etwa 7, mit einem
Parlamente für jeden kreis, oben an ein directorium als centralgewalt, mit
vereinigten Ausschüssen jener kreisparlamente, denen oesterreich jedoch
als ganzes (die unterscheidung zwischen Bundesländern und den ande-
ren soll wegfallen) sich unterwerfen will! Also meiner Ansicht nach viel
zu viel zugegeben, zum glücke wird man es in frankfurt nicht annehmen,
da man von einer nationalversammlung nicht lassen will noch kann. das
sagte ich auch Prokesch. Wird dieß nicht angenommen, so will oesterreich
sich ganz zurück ziehen (also selbst die Bundesacte von 1815 auflösen!)
und deutschland gewähren lassen, mit dem hintergedanken, einen theil
von deutschland von jenem Bundesstaate loszureißen, also ein süd- und
1 gemeint ist die österreichische note vom 9.3.1849, in der die konsequenzen des verfas-
sungsoktrois für deutschland dargelegt wurden: „Wer die einheit deutschlands wirklich
will, wird den Weg suchen, der es österreich möglich macht, ohne Aufgeben seiner selbst
im großen gesamtvaterlande zu verbleiben.“ dafür müsse man „von dem Wahn ablassen,
als sei die lähmung österreichs die kräftigung deutschlands,“ aber auch einsehen, dass es
unmöglich sei, „durch irgendeine form österreich tatsächlich aus deutschland auszuschei-
den.“
„Österreich wird meine Stimme erkennen lernen wie die Stimme Gottes in der Wüste“
Tagebücher 1839–1858, Volume II
- Title
- „Österreich wird meine Stimme erkennen lernen wie die Stimme Gottes in der Wüste“
- Subtitle
- Tagebücher 1839–1858
- Volume
- II
- Author
- Viktor Franz Freiherr von Andrian-Werburg
- Editor
- Franz Adlgasser
- Publisher
- Böhlau Verlag
- Location
- Wien
- Date
- 2011
- Language
- German
- License
- CC BY-NC-ND 4.0
- ISBN
- 978-3-205-78612-2
- Size
- 17.0 x 24.0 cm
- Pages
- 716
- Keywords
- Viktor Andrian-Werburg (1813 - 1858), Revolution 1848, Austrian Neoabsolutism, Austria future (1842), Late Vormärz, Reform and Repression
- Category
- Biographien