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März 1849
über organisation der gerichte, über die Jury etc., das ministerium des
Ackerbaues ist mit dem landwirthschaftlichen congresse beschäftigt, den
es aus allen Provinzen berufen hat etc., im handelsministerio arbeitet eine
commission an revision des Zolltariffes, kurz überall thätigkeit mit re-
sultaten und fortschritt, es ist wohlthuend dieses zu sehen. dabey ist der
öffentliche geist ein guter, man will ruhe, gewinnt vertrauen und ist in der
großen mehrheit mit der verfassung und dem ministerio zufrieden, das na-
tionalgefühl erwacht, die politische Bildung hebt sich, und namentlich hat
die Presse große fortschritte gemacht, kurz, im ganzen bin ich zufrieden.
Andererseits sind die schwierigkeiten allerdings noch sehr groß, die
große Centralisation, wie sie die Verfassung ausspricht, findet namentlich
in ungarn Widerspruch, und zwar von der altungarischen (cziráky, Palffy,
mailáth etc.) sowie von der letzten gouvernementalen Partey (Josika, Ap-
pony etc.), und auch in kroatien, höre ich, soll Ähnliches zu verspüren seyn.
der große moment wird der Zusammentritt der Provinziallandtage seyn,
doch hoffe ich, daß jenes große Princip sich wird durchführen lassen, wenn
man, wie ich nicht zweifle, die gehörige Energie entwickelt. Die Geldver-
hältnisse sind entsetzlich verwickelt und das silbergeld ganz verschwun-
den, doch geht handel und verkehr ziemlich gut.
sardinien hat den Waffenstillstand aufgekündet, und heute dürfte der
krieg wieder angegangen seyn, zum großen Jubel der herrlichen italie-
nischen Armee, man rechnet darauf, daß radetzky in 8 tagen in turin
seyn und dort den frieden dictiren wird. carl Albert wünscht dieß wahr-
scheinlich selbst, er ist nur mehr ein spielzeug in den händen der radica-
len kriegslustigen Partey, zu welcher seine eigene Armée durchaus nicht
gehört. frankreich und england werden sich durchaus nicht in die sache
mischen, so haben sie erklärt.
leider sehen die dinge in ungarn minder erfreulich aus. Windischgrätz
begeht eine menge dummheiten, weßwegen man ihm nun kübeck als hof-
commissär ad latus gegeben hat, die operationen gehen langsam vorwärts,
und kossuth scheint an kraft zu gewinnen, eine menge Polen sind bey ihm
und organisiren seine truppen. siebenbürgen ist gräulich verwüstet.
Wien selbst ist leer und todt und macht auf mich einen traurigen ein-
druck, noch viele spuren des Bombardements,1 zahlreiche Patrouillen, kurz
der Belagerungsstand weit fühlbarer als in Berlin.
[Wien] 22. märz früh
es ist mir unangenehm, daß meine correspondenten in frankfurt, wahr-
scheinlich durch die seit meiner Abreise eingetretenen ereignisse in An-
1 während der niederschlagung des oktoberaufstands 1848.
„Österreich wird meine Stimme erkennen lernen wie die Stimme Gottes in der Wüste“
Tagebücher 1839–1858, Volume II
- Title
- „Österreich wird meine Stimme erkennen lernen wie die Stimme Gottes in der Wüste“
- Subtitle
- Tagebücher 1839–1858
- Volume
- II
- Author
- Viktor Franz Freiherr von Andrian-Werburg
- Editor
- Franz Adlgasser
- Publisher
- Böhlau Verlag
- Location
- Wien
- Date
- 2011
- Language
- German
- License
- CC BY-NC-ND 4.0
- ISBN
- 978-3-205-78612-2
- Size
- 17.0 x 24.0 cm
- Pages
- 716
- Keywords
- Viktor Andrian-Werburg (1813 - 1858), Revolution 1848, Austrian Neoabsolutism, Austria future (1842), Late Vormärz, Reform and Repression
- Category
- Biographien