Page - 261 - in „Österreich wird meine Stimme erkennen lernen wie die Stimme Gottes in der Wüste“ - Tagebücher 1839–1858, Volume II
Image of the Page - 261 -
Text of the Page - 261 -
26124.
Mai 1849
werden, also eine beschlußfähige Zahl, und dann nützt dieser schritt nichts.
der erzherzog, dieser alte schlappschwanz, hat wirklich den muth zur Auf-
lösung nicht, sondern bettelt in Berlin, man möchte ihn ablösen, was directe
gegen die Aufforderung ist, die er von Wien aus erhielt, übrigens scheint es
wirklich, als ob die regierungen, oesterreich miteinbegriffen sich über eine
verfassung geeinigt hätten, welche im wesentlichen der frankfurter ent-
spräche, etwas weniger radical und centralisirend wäre, statt des kaisers
ein directorium, und oesterreich in einem völkerrechtlichen verhältnisse
zu diesem neuen Bunde. Also doch endlich! ich könnte nun triumph singen.
schwarzenbergs dummheitenregister aber ist jetzt voll, der mann ist viel-
leicht ein guter fml, gewiß aber ein schlechter minister des Auswärtigen.1
stadion hat seine demission gegeben, die der kaiser aber nicht annahm,
das scheint auf eine verlängerte krankheit zu deuten.2 nun soll aber die
politische organisation, ohne auf seinen Wiedereintritt zu warten, rasch
durchgeführt werden, und es ist hohe Zeit, denn das jetzige Provisorium ist
nicht lange haltbar. doch bin ich mit dem entwurfe, wie ich ihn in Wien zu
gesichte bekam, durchaus nicht einverstanden, denn statt ein self governe-
ment zu begründen, schafft er durch die Bezirkshauptmannschaften, kreis-
regierungen etc. eine neue und ärgere Bureaukratie. Auch darüber will ich
in Wien sprechen, um so mehr, als man mir, wie es scheint, die leitung
einer Provinz zugedacht hat, was ich natürlich nur unter gewissen voraus-
setzungen übernehmen würde. das gemeindegesetz ist in voller Ausfüh-
rung, die leute schreyen, es sey unpractisch, ich aber sage: wenn die ge-
meinden auch Anfangs ein lehrgeld zahlen, so schadet das nichts.3
der kaiser ist, wie man sagt, nach kalisch zu einer konferenz mit kaiser
nikolaus,4 nous sommes en pleine russie.
nationalversammlung in ihrer jetzigen lage und Zusammensetzung „dem deutschen volke
keine ersprießlichen dienste mehr zu leisten vermag. […] nachdem sie durch alle gesetzli-
chen mittel den eintritt der reichsverfassungsmäßigen gewalten vorbereitet haben, über-
geben sie das verfassungswerk für jetzt den gesetzlichen organen der einzelstaaten und
der selbstthätigen fortbildung der nation.“
1 „man kann ein guter fml und dabey ein schlechter minister der auswärtigen Angelegen-
heiten seyn, man kann aber auch ein schlechter fml und ein schlechter minister seyn, und
ihm, scheint es, war dieses vorbehalten.“ (Andrian an seine schwester gabriele, gmunden
23.5.1849, k. 114, umschlag 662).
2 innenminister graf franz stadion war im April 1849 schwer erkrankt und wurde nach
Baden gebracht. er kehrte nicht mehr auf seinen Posten zurück, am 27. Juli 1849 wurde er
abberufen.
3 das provisorische gemeindegesetz war am 17.3.1849 erlassen worden. der einleitende satz
lautete: „die grundfeste des freien staates ist die freie gemeinde.“
4 das treffen fand vom 21.–23.5.1849 in Warschau und nicht im 200 km weiter westlichen,
an der grenze zu Preußen gelegenen kalisz statt.
„Österreich wird meine Stimme erkennen lernen wie die Stimme Gottes in der Wüste“
Tagebücher 1839–1858, Volume II
- Title
- „Österreich wird meine Stimme erkennen lernen wie die Stimme Gottes in der Wüste“
- Subtitle
- Tagebücher 1839–1858
- Volume
- II
- Author
- Viktor Franz Freiherr von Andrian-Werburg
- Editor
- Franz Adlgasser
- Publisher
- Böhlau Verlag
- Location
- Wien
- Date
- 2011
- Language
- German
- License
- CC BY-NC-ND 4.0
- ISBN
- 978-3-205-78612-2
- Size
- 17.0 x 24.0 cm
- Pages
- 716
- Keywords
- Viktor Andrian-Werburg (1813 - 1858), Revolution 1848, Austrian Neoabsolutism, Austria future (1842), Late Vormärz, Reform and Repression
- Category
- Biographien