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Juni 1849
[Wien] 2. Juny Abends
Preußen, sachsen und hanover haben sich endlich geeiniget und proponiren
nun eine verfassung zur Annahme, welche nur in wenig stücken von der
frankfurter abweicht. Preußen als reichsvorstand mit einem fürstencolle-
gio an der seite.1 ich glaube, sämmtliche regierungen, die sich der natio-
nalversammlung unterworfen haben, werden diesen entwurf als die einzig
mögliche lösung annehmen, ebenso auch Bayern, und oesterreich wird, wie
auch schon der entwurf besagt, auf dem Boden von 1815 stehen bleiben.
Also wäre das ende da, und zwar so, wie ich es seit Jänner vorhersah.
Preußen hat geschickt manœuvrirt und hätte noch besser gethan, wenn
nicht unsere Einflüsterungen auf die persönlichen Schwachheiten des Kö-
nigs gewesen wären, die aber am ende doch zu keinem resultate führten.
Wir aber begehen zu allen früheren ungeschicklichkeiten noch die letzte,
betroffen und ärgerlich zu thun. daneben läuft eine zweite verhandlung
Preußens, welches den erzherzog bewegen will, sein Amt noch als ein pro-
visorisches in Preußens hände niederzulegen, er aber, von hier angewiesen,
weigert sich dessen, wird er es noch lange können? massen von Preußen
marschiren nach süddeutschland, um die Bewegung in Pfalz und Baden zu
ersticken, qui du reste semble périr d’inanition.
hier stehen die ochsen am Berge, namentlich in der frage ungarn. ruß-
land will noch 4 Wochen warten und mehr truppen heranziehen, und ruß-
land befiehlt jetzt. Man sagt, daß Giulay Kriegsminister wird,2 ich bedauere
Jeden, der jetzt in dieses cabinett tritt. darüber habe ich mich neulich ge-
gen kleyle ausführlich ausgesprochen, sie möchten sich gerne mit ein paar
populairen nahmen rekrutiren, welche aber doch blind in schwarzenbergs
horn stoßen sollten.
[Wien] 5. Juny vormittags
ich sitze nun schon seit 4 tagen mit heftigen Zahnschmerzen zuhause, wel-
che eigentlich nichts anders sind als die gicht, die sich vom fuße dahin
geworfen hat, in ein paar tagen gehe ich nach Baden, um dort die cur zu
brauchen, so unangenehm mir auch dieser lärmende Aufenthalt jetzt ist.
gabrielle wird wahrscheinlich auch auf ein paar Wochen dahin kommen.
die nationalversammlung hat am 30. beschlossen, nach stuttgart zu
übersiedeln, und hat sich wahrscheinlich dadurch endlich den hals gebro-
1 die drei staaten hatten sich zum sog. dreikönigsbündnis vom 26.5.1849 geeinigt und in
einer preußischen Zirkularnote vom 28. mai die deutschen staaten aufgefordert „sich un-
serm durch die gefahren des Augenblicks hervorgerufenen Bündnisse anzuschließen und
sich hierüber in kürzester frist gefälligst erklären zu wollen.“
2 general graf franz gyulai (nicht giulay) übernahm das kriegsministerium am 2.6.1849.
„Österreich wird meine Stimme erkennen lernen wie die Stimme Gottes in der Wüste“
Tagebücher 1839–1858, Volume II
- Title
- „Österreich wird meine Stimme erkennen lernen wie die Stimme Gottes in der Wüste“
- Subtitle
- Tagebücher 1839–1858
- Volume
- II
- Author
- Viktor Franz Freiherr von Andrian-Werburg
- Editor
- Franz Adlgasser
- Publisher
- Böhlau Verlag
- Location
- Wien
- Date
- 2011
- Language
- German
- License
- CC BY-NC-ND 4.0
- ISBN
- 978-3-205-78612-2
- Size
- 17.0 x 24.0 cm
- Pages
- 716
- Keywords
- Viktor Andrian-Werburg (1813 - 1858), Revolution 1848, Austrian Neoabsolutism, Austria future (1842), Late Vormärz, Reform and Repression
- Category
- Biographien