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November 1849
bald ein ende gemacht werden wird. ich sprach heute lange mit Bruck, und
er sagte mir kein Wort darüber, was doch nach seiner neulichen interpel-
lation natürlich gewesen wäre, ich aber wie natürlich erwähnte die sache
mit keiner sylbe. ich bin fest entschlossen, so schwer es mir auch wird, kei-
nen schritt, auch nicht den geringsten entgegen zu thun. man fragt mich
nicht, man beräth sich mit mir nicht (was denn doch, wenn man mir einen
so wichtigen Posten wie den eines statthalters anvertrauen will, natürlich,
ja nothwendig wäre). Anderseits höre ich, daß herberstein, bisher provi-
sorischer landeschef in triest, eine andre Bestimmung erhalten soll, was
kann dieses Anderes seyn als steyermark? Auch salm soll placirt werden,
und alle diese vormärzlichen haben jetzt mehr chancen als ich, kurz ich
sehe voraus, daß man mir solche Anträge machen wird, welche einer Belei-
digung gleichsehen werden, worauf ich aber gebührend antworten werde.
und dann? dann werde ich eine Zeitlang weggehen (wohin? ist gleichgültig),
um dann – ein Journal zu übernehmen, denn vor der hand weiß ich keine
andere Beschäftigung für mich, wüßte ich eine, so würde ich sie vorziehen,
denn die Journalistik wird mir in mancher, auch persönlicher, Beziehung
unangenehm seyn. Aber so fortvegetiren, wie ich es jetzt seit bald 8 mona-
then thue, ist mir mehr als unangenehm, ist mir unerträglich.
[Wien] 15. november
es gibt nicht viel neues, und ich vertreibe mir meine Zeit mit – Warten! die
meisten länderchefs sind hier, und man arbeitet tag und nacht an den er-
nennungen für die neuen politischen Behörden, die mit 1. Jänner eintreten
sollen. Aber noch jetzt im letzten Augenblicke schwankt man und ist un-
schlüssig, bald sollen die kreispräsidentschaften aufgegeben werden, bald
wieder die Bezirkshauptleute, kurz Bach hat weder organisirungstalent,
noch administrative kenntnisse, noch festigkeit des Willens. mit stadion
wäre das ganz anders gewesen.
micherl strasoldo, der neulich lange bey mir war, hat mich wieder be-
stimmt versichert, daß man im ministerium des innern ganz sicher auf
mich zähle, und daß ich nächstens einen ruf erhalten werde – was? wie?
wo? weiß ich nicht. von den ministern habe ich niemanden gesehen noch
sehen wollen, nur oettl suchte ich neulich seit fast 3 monaten zum ersten
mahle wieder auf, weil ich ihm hayden empfehlen wollte, ich that aber sehr
eilig und sagte ihm ein paar kraftworte über die hirschauerstückchen des
ministeriums.1 Auch er scheint mir sich nicht mehr so behaglich zu fühlen
wie vor einigen monathen.
1 ein hirschauerstück spielen – sprichwörtlich für in aller öffentlichkeit eine dummheit
begehen.
„Österreich wird meine Stimme erkennen lernen wie die Stimme Gottes in der Wüste“
Tagebücher 1839–1858, Volume II
- Title
- „Österreich wird meine Stimme erkennen lernen wie die Stimme Gottes in der Wüste“
- Subtitle
- Tagebücher 1839–1858
- Volume
- II
- Author
- Viktor Franz Freiherr von Andrian-Werburg
- Editor
- Franz Adlgasser
- Publisher
- Böhlau Verlag
- Location
- Wien
- Date
- 2011
- Language
- German
- License
- CC BY-NC-ND 4.0
- ISBN
- 978-3-205-78612-2
- Size
- 17.0 x 24.0 cm
- Pages
- 716
- Keywords
- Viktor Andrian-Werburg (1813 - 1858), Revolution 1848, Austrian Neoabsolutism, Austria future (1842), Late Vormärz, Reform and Repression
- Category
- Biographien