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32919.
Jänner 1850
ßeren Anstoß dazu erkennen kann, er findet einen solchen in den inneren
Zerwürfnissen desselben, namentlich in den intriguen, die Bruck spinnt,
um krauss zu verdrängen und selbst finanzminister zu werden. Wie auch
die sachen kommen mögen, ich habe mir den rücken gedeckt und auch
bey den gegenwärtigen unterhandlungen mich immer so gestellt, daß ich
stets nur als Aufgeforderter und nie als Bittender oder suchender dastehe,
und nebstdem alles mündlich und nicht das geringste schriftlich abgethan
habe.
noch weiß man nicht, wie sich die preußischen kammern über die kö-
nigliche Botschaft aussprechen werden, der könig spielt, namentlich mit
hinblick auf die erfurter Wahlen und die deutsche frage, ein gefährliches
spiel, ich verfolge es mit dem größten interesse und hoffe, daß Preußen wie
im Jahre 1847 uns die kastanien aus dem feuer holen wird, d.h. daß es
auch bey uns einer Pairie den Weg anbahnen werde.
die regierung verfährt mit großer, meiner Ansicht nach ungeschickter,
härte gegen die Altconservativen in ungarn, der figyelmezö ist verbothen,
der redakteur vida aus ungarn ausgewiesen worden etc., die beliebten
mittel, ich habe darüber einen geharnischten Artikel in den Wanderer
geschrieben, worüber die reichszeitung heftig mit ihm angebunden hat,1
somit habe ich zwey Zwecke zugleich erreicht, durch Polemik allein kann
sich der Wanderer zu einem Blatte ersten ranges erheben, was er bisher
nicht war, aber auf dem besten Wege dazu ist. leider sind gerade jetzt Zer-
würfnisse in der redaction eingetreten, und schwarzer hat einen starken
Anlauf genommen, um das Blatt wieder in seine hände zu bekommen, in
welchem falle ich mich zurückziehen würde. ohnehin weiß niemand als
seidlitz und Becher um meine verbindung.
es ist seit menschengedenken nicht soviel schnee gefallen wie in diesem
Winter, seit dem 25. november schneit es beynahe unaufhörlich, wir hatten
1 der Wanderer v. 13.1.1850, morgenblatt: die suspension des „figyelmezö“. die Pester Zei-
tung war mit 8.1.1850 verboten worden. Andrian beklagt in diesem anonymen Artikel die
unterdrückung von oppositionellen, vor allem nationalen Zeitungen als gegen das eigene
interesse der regierung gerichtet, die sich damit die möglichkeit des dialogs nehme: „es
will uns scheinen, als wenn eine regierung es nur wünschen müßte, daß alle opposition
sich in der Presse concentrire. es ist dieses wenigstens ein gegner, der mit offenem visir
kämpft, der sich ausspricht und eine gegenrede nicht allein erwartet, sondern sogar her-
vorruft. und wo gleichen sich die meinungen eher aus, als wenn die Ansichten gegenseitig
ausgetauscht werden.“ Betroffen vom Verbot des Figyelmező sei eine Partei, „deren Mit-
glieder aus den edelsten kräften der ungarischen intelligenz, aus den hingebensten Pat-
rioten und den treuesten Anhängern der dynastie“ bestehe, „eine Partei, die unterdrückt
ihre Ehre nicht im Stiche ließ, und siegend ihre Ehre mit dem Vaterlande identificirte. Wir
halten dafür, daß eine solche Partei es werth ist – überzeugt zu werden; gewonnen wird sie
auf keine andere Weise!“
„Österreich wird meine Stimme erkennen lernen wie die Stimme Gottes in der Wüste“
Tagebücher 1839–1858, Volume II
- Title
- „Österreich wird meine Stimme erkennen lernen wie die Stimme Gottes in der Wüste“
- Subtitle
- Tagebücher 1839–1858
- Volume
- II
- Author
- Viktor Franz Freiherr von Andrian-Werburg
- Editor
- Franz Adlgasser
- Publisher
- Böhlau Verlag
- Location
- Wien
- Date
- 2011
- Language
- German
- License
- CC BY-NC-ND 4.0
- ISBN
- 978-3-205-78612-2
- Size
- 17.0 x 24.0 cm
- Pages
- 716
- Keywords
- Viktor Andrian-Werburg (1813 - 1858), Revolution 1848, Austrian Neoabsolutism, Austria future (1842), Late Vormärz, Reform and Repression
- Category
- Biographien