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Jänner 1850
leben hier nicht angenehmer, und so ziehe ich mich denn auch immer mehr
auf mich selbst und wenige menschen zurück. eine Art interieur, nicht das
der ehe, zu der ich jetzt ebensowenig tauge wie sonst, sondern einer ange-
nehmen, geistreichen maitresse wäre mir sehr erwünscht, aber gerade hier
sehr schwer zu finden. Doch mache ich zuweilen, und eben jetzt, annähe-
rungsweise versuche, jetzt habe ich eine recht artige frau aus neusatz, die
Frau eines in Arad gefangenen Honvéd Officiers, Josephine von Lauscher.
Aber Alles dieses erstickt in mir den stachel einer erzwungenen un thä-
tigkeit nicht, die letzten 10 monathe waren für mich ein wahres märty-
rerthum in dieser hinsicht und so leer, wie es mein leben seit lange nicht
gewesen.
[Wien] 31. Jänner
man dringt von mehreren seiten in mich, einen 3. theil von oesterreichs
Zukunft zu schreiben, um die jetzige politische Apathie zu heben und die
Bildung einer liberalen Partey zu befördern. Aber ich halte den Augenblick
nicht für geeignet, die Ansichten und tendenzen fahren noch immer in zu
viele richtungen aus einander: nationale, politische etc., und was ich sagen
würde, würde wahrscheinlich nur sehr Wenigen gefallen. Auch habe ich
keine lust, den haß, der gegen mich ohnehin vorhanden ist, ohne noth
noch zu vermehren, endlich habe ich überhaupt keine neigung zum schrift-
stellern, ich möchte handeln, und übrigens würde ein Journal selbst in je-
ner hinsicht meinen Zweck viel besser erfüllen als ein Buch.
übrigens habe ich mit dem „Wanderer“ gerade große schwulitäten ge-
habt, da ein Artikel von mir, worin ich gegen die centralisirende und bu-
reaukratische richtung des ministeriums eiferte, die redaktion so ängstlich
machte, daß sie ihn nicht aufnehmen wollte. endlich erschien er gestern,
jedoch sehr abgekürzt und verwaschen.1 seidlitz, der allein um meine mit-
arbeiterschaft weiß, ist nicht unabhängig von seinen mitredacteurs. Alle
Journale sind jetzt mehr als jemals ins Bockshorn gejagt, die neuerlichen
unterdrückungen des figyelmezö, der narodni nowiny etc., die beständi-
gen verwarnungen und drohungen, welche Welden und Bruck (der emp-
findlichste aller Hundsfötter) gegen sie ergehen lassen, Alles dieses und
1 der Wanderer v. 30.1.1850, Abendblatt: centralisation und decentralisation. Bereits am
21.1.1850 hatte Julius seidlitz in einem sehr vorsichtig gehaltenen schreiben (so fehlt
eine unterschrift, alle namen sind abgekürzt) Andrian darauf hingewiesen, dass der Arti-
kel trotz korrekturen nicht gedruckt werden könne, und ihn gebeten, „wenn es von ihrer
selbstverläugnung nicht zu viel verlangt wäre“, den Artikel zu teilen, „damit nicht alle
schärfe konzentrirt ist.“ Aber selbst dann sehe er wenig chancen: „Wie aber jetzt die stim-
mung ist, habe ich alle hoffnung verloren, den Artikel unversehrt d.h. im Zusammenhange
vom stapel laufen zu lassen.“ (k. 115, umschlag 666).
„Österreich wird meine Stimme erkennen lernen wie die Stimme Gottes in der Wüste“
Tagebücher 1839–1858, Volume II
- Title
- „Österreich wird meine Stimme erkennen lernen wie die Stimme Gottes in der Wüste“
- Subtitle
- Tagebücher 1839–1858
- Volume
- II
- Author
- Viktor Franz Freiherr von Andrian-Werburg
- Editor
- Franz Adlgasser
- Publisher
- Böhlau Verlag
- Location
- Wien
- Date
- 2011
- Language
- German
- License
- CC BY-NC-ND 4.0
- ISBN
- 978-3-205-78612-2
- Size
- 17.0 x 24.0 cm
- Pages
- 716
- Keywords
- Viktor Andrian-Werburg (1813 - 1858), Revolution 1848, Austrian Neoabsolutism, Austria future (1842), Late Vormärz, Reform and Repression
- Category
- Biographien