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April 1850
[Wien] 7. April
das ministerium steht auf dem Punkte, zwey große ungeschicklichkeiten
(um nichts Ärgeres zu sagen) zu begehen, nämlich erstlich den katholischen
clerus so quasi zu emancipiren, seine correspondenz mit rom freyzugeben,
das placetum regium aufzugeben und seinen Einfluß auf die Schule zu ver-
größern. das wäre ein großer fehler, und ich schreibe ihn leo thun zu.
das Andere, weit ernstere noch, weil ein offenbarer verfassungsbruch, ist,
daß man beschlossen hat, das geschworeneninstitut fallen zu lassen, oder,
was fast dasselbe sagen will, die geschworenen lediglich aus der Zahl der
geprüften Richter zu nehmen!! Mit dieser Modification soll am 1. July das
neue verfahren ins leben treten, und die beängstigten gemüther, welche
die Jury hauptsächlich bey Preß- und politischen Processen fürchten, wer-
den ruhig schlafen können. man sieht, im schatten der Bajonnette wachsen
der reaktion die flügel, und das ministerium rutscht auf der abschüssigen
Bahn immer weiter, so wenig ich von schmerling halte, so hätte ich das
doch nicht von ihm erwartet. nun frisch darauf los, je schneller sie sich
umbringen, desto besser.
Auch in erfurt scheint es schlecht zu gehen. rußland hat schwarzen-
berg unter seine Protektion genommen, und Beyde zusammen jagen den
könig von Preußen, diesen schächer, ins Bockshorn, er wird nun, wie er
es den Berliner kammern gegenüber that, auch in erfurt Anforderungen
über Anforderungen stellen, bis selbst die willfährige majorität nicht mehr
zustimmen kann. dann wird erfurt in stücke gehen und die restauration
des alten Bundestages ihren triumph feyern. in ein paar Jahren darauf
kömmt die deutsche republik, und zwar mit größeren chancen des Bestan-
des als in frankreich, weil man in deutschland, wo die revolution im Jahre
1848 vor den thronen stehen blieb, bis dahin die unverträglichkeit des
königthums mit der nationalgröße und einheit eingesehen haben wird,
während die republik in frankreich 1792 wie 1848 bloße caprice war. und
bey uns? entweder eine restauration des kaiser ferdinand oder ebenfalls,
jedoch dießmal nur transitorisch, republik, oder endlich Zerfall des rei-
ches, bonne chance pour les grands ambitieux …. es scheint sichtlich die
vorsehung den monarchien den garaus machen zu wollen.
Bey uns nichts als verurtheilungen und kriegsgerichte, seit 1 1/2 Jah-
ren, noch kein einziger Zug der güte, der gemüthlichkeit in dem 19jähri-
gen kaiser, überhaupt gar kein hervortreten der Persönlichkeit außer bey
Paraden und Adjustirungsvorschriften, wo soll da Anhänglichkeit, ja selbst
ehrfucht herkommen? Auch bey uns trägt sich das Princip zu grabe.
Zang war bey mir und brachte sein Programm, ich wusch ihm wegen des
Artikels über Windischgrätz tüchtig den kopf, will aber doch nocheinmahl
mit Bach sprechen, heute ist ohnehin wieder italienische conferenz, vor-
„Österreich wird meine Stimme erkennen lernen wie die Stimme Gottes in der Wüste“
Tagebücher 1839–1858, Volume II
- Title
- „Österreich wird meine Stimme erkennen lernen wie die Stimme Gottes in der Wüste“
- Subtitle
- Tagebücher 1839–1858
- Volume
- II
- Author
- Viktor Franz Freiherr von Andrian-Werburg
- Editor
- Franz Adlgasser
- Publisher
- Böhlau Verlag
- Location
- Wien
- Date
- 2011
- Language
- German
- License
- CC BY-NC-ND 4.0
- ISBN
- 978-3-205-78612-2
- Size
- 17.0 x 24.0 cm
- Pages
- 716
- Keywords
- Viktor Andrian-Werburg (1813 - 1858), Revolution 1848, Austrian Neoabsolutism, Austria future (1842), Late Vormärz, Reform and Repression
- Category
- Biographien