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Juni 1850
[Wien] 7. Juny
ich fuhr am 2. früh nach Brünn, wo mich hingenau und egbert [Belcredi]
im Bahnhofe erwarteten. Wir speisten bey Albert Widmann und fuhren
Abends nach lösch. tags darauf kam ich wieder auf einige stunden nach
Brünn und am 4. wieder, an diesem tage kam gabrielle von Wien nach
lösch, um dann nach franzensbad zu gehen. ich sah sie im Bahnhofe, und
dann gingen wir zu diller, allwo wir einige geschäfte abmachten. dann
fuhr sie nach lösch und ich um 4 uhr nachmittag nach Wien zurück.
ich habe in Brünn ziemlich gute geschäfte gemacht, mitarbeiter für die
grätzer Wochenschrift gewonnen und den leuten (nämlich den obenge-
nannten) die nothwendigkeit der organisirung vorgestellt, an thätigkeit
werden diese es nicht fehlen lassen. cajetan mayer, der so ziemlich der be-
deutendste mann mährens zu seyn scheint (wiewohl ihm niemand traut),
den ich aber nicht kenne, soll sich auch zu unserer richtung hinneigen, was
jedoch mit großer vorsicht zu behandeln seyn wird.
die hauptsache aber ist, daß ich Zang endlich mit egbert (und durch ihn
mit den Andern) in Berührung gebracht habe. der mann ist gut zu brauchen
und versteht die Taktik vortrefflich, wir brauchen überhaupt nebst einer Wo-
chenschrift auch noch ein tagesblatt. leider ist die „Presse“ in letzter Zeit
sehr verrufen und die Zustände in Brünn entsetzlich spießbürgerlich, wegen
einer subvention, wegen welcher ich anklopfte, und wozu ich auch beysteu-
ern wollte, war aber nichts zu machen, doch dürfte sich auch dieß bey länge-
rem Zusammenwirken im falle des Bedarfes von selber machen. übrigens
steht die Presse jetzt gut und wird im laufe des sommers, durch Baden,
ischel etc. bedeutend gewinnen. ich fuhr auf der rückreise hieher mit Zang.
überhaupt regt sich allenthalben das Bedürfniß einer organisation und
vorbereitung für die landtage, aus oesterreich und kärnthen sind mir in
diesen letzten tagen dringende stimmen zugekommen. kleyle, der gestern
aufs land ging, hat von mir Aufträge an stifft mitgenommen, welcher letz-
tere meinen Brief noch nicht beantwortet hat. Alles dieses mahnt mich leb-
haft an 1846 und 1847.
heckscher ist hier, ich sah ihn einigemahle, ein mir sehr zusagender
mann, auch Jochmus sah ich vorgestern auf seiner durchreise nach con-
stantinopel. neulich traf ich beym essen im römischen kaiser mit schmer-
ling und Bach zusammen, welcher letztere sehr verlegen und hölzern schien.
von dem revirement in ungarn ist wieder Alles stille geworden, eben-
sowenig weiß man von dem resultate der reise schwarzenbergs nach
Warschau, nach Allem scheint es jedoch kein sehr günstiges gewesen zu
seyn. inzwischen rüstet Preußen mit aller macht, zur Abwehr gegen uns,
wie es scheint, und vervollständiget zugleich die union, der Bundestag in
frankfurt will denn doch nicht recht vorwärts gehen, natürlich, diese ver-
„Österreich wird meine Stimme erkennen lernen wie die Stimme Gottes in der Wüste“
Tagebücher 1839–1858, Volume II
- Title
- „Österreich wird meine Stimme erkennen lernen wie die Stimme Gottes in der Wüste“
- Subtitle
- Tagebücher 1839–1858
- Volume
- II
- Author
- Viktor Franz Freiherr von Andrian-Werburg
- Editor
- Franz Adlgasser
- Publisher
- Böhlau Verlag
- Location
- Wien
- Date
- 2011
- Language
- German
- License
- CC BY-NC-ND 4.0
- ISBN
- 978-3-205-78612-2
- Size
- 17.0 x 24.0 cm
- Pages
- 716
- Keywords
- Viktor Andrian-Werburg (1813 - 1858), Revolution 1848, Austrian Neoabsolutism, Austria future (1842), Late Vormärz, Reform and Repression
- Category
- Biographien