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Juli 1850
wird unter diesen umständen wenig eindruck machen. übrigens beweist
mir dieses, daß das ministerium mehr gewalt über den kaiser hat, als ich
glaubte, eigentlich, daß er ein reiner mannequin in ihren händen ist. sed
cur non ferdinandus? Was weiter in ungarn geschehen wird, wollen wir
nun sehen, gewiß aber eine größere emancipation der civilgewalt vom mi-
litair, worüber ich mich freuen würde, geschähe sie nicht (wenigstens vor
der Hand) au profit einer mir noch weit verhaßteren Bureaukratie. Üb-
rigens hat jetzt der kampf zwischen dem ministerium und dem militair,
wie es scheint, begonnen, wie es naturgemäß nicht anders kommen konnte,
wahrscheinlich werden Beyde auf dem Platze bleiben, et tertius gaudabit,
daß das ministerium übrigens durch diesen Act der energie momentan et-
was gehoben wird, leidet keinen Zweifel.
über louis Batthyánys hinrichtung habe ich détails gesammelt, die
schwer in die Wagschaale fallen dürften. denn der tag der untersuchung
wird kommen.
gyulai ist endlich doch abgetreten, Appel soll ihn ersetzen. Auch sagt
man, daß degenfeld an die stelle grünnes kommen soll!! das wäre unend-
lich wichtig und in jeder Beziehung wünschenswerth.1
meine Absicht war gewesen, von Pesth aus nach füred am Plattensee
zu fahren und mich dort, wo ich vielleicht später einige Wochen zubringen
werde, umzusehen. ich wollte zu edmund Zichy nach sz. mihály und von
dort nach füred. doch ward mir die Zeit zu kurz, und ich kehrte direct hie-
her zurück.
[Wien] 20. July Abends
Am 13. früh fuhr ich von hier fort und war gegen 11 uhr Abends in rosenau
bey stifft, wo ich bis heute früh geblieben bin, um 1/2 4 nachmittags kam
ich mit dem dampfboote hier an.
ich habe dort recht angenehme tage verlebt, die herrliche gegend, das
ruhige landleben und der schöne Park beym schlosse. stifft, den ich jetzt
eigentlich erst näher kennen lernte, hat auf mich einen sehr günstigen
eindruck gemacht, ein gewissenhafter warmfühlender mann von großen
kenntnissen und schwungvollen Ansichten in seinem fache, nur noch (bey
seinem Alter erklärlich) etwas an bureaukratischen formen und uniformi-
tätsgelüsten hängend und in der politischen Administration nicht so ganz
1 tatsächlich ersetzte mit 15.7.1850 frh. Anton v. csorich als kriegsminister graf franz
gyulai, der als korpskommandant nach mailand kam. frh. christian v. Appel wurde pro-
visorischer Armeekommandant in ungarn und erhielt damit die militärischen Aufgaben
haynaus, die zivilen kompetenzen übernahm als statthalter der bisherige Zivilkommissär
frh. karl v. geringer. kein Wechsel fand dagegen in der generaladjutantur des kaisers
statt.
„Österreich wird meine Stimme erkennen lernen wie die Stimme Gottes in der Wüste“
Tagebücher 1839–1858, Volume II
- Title
- „Österreich wird meine Stimme erkennen lernen wie die Stimme Gottes in der Wüste“
- Subtitle
- Tagebücher 1839–1858
- Volume
- II
- Author
- Viktor Franz Freiherr von Andrian-Werburg
- Editor
- Franz Adlgasser
- Publisher
- Böhlau Verlag
- Location
- Wien
- Date
- 2011
- Language
- German
- License
- CC BY-NC-ND 4.0
- ISBN
- 978-3-205-78612-2
- Size
- 17.0 x 24.0 cm
- Pages
- 716
- Keywords
- Viktor Andrian-Werburg (1813 - 1858), Revolution 1848, Austrian Neoabsolutism, Austria future (1842), Late Vormärz, Reform and Repression
- Category
- Biographien