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September 1850
worden ist und „Bekenntnisse eines soldaten“ heißt.1 ein ganz gewöhnli-
ches machwerk, im bombastischen theaterzeitungsstyle geschrieben, vol-
ler schimpf und lobhudeley, eines so wenig gerechtfertigt wie das Andere,
worin mit hundertmal gehörten Argumenten gegen das constitutionelle sy-
stem gekämpft und zum schlusse dem kaiser gerathen wird, demselben ein
ende zu machen und zum Absolutismus zurückzukehren, nicht eine neue
idee, nicht ein positiver gedanke, dagegen viele Widersprüche. trotz alle
dem macht die kurze schrift bey leuten wie clam, reischach etc. (welcher
letztere im vorbeygehen gesagt einer der hartnäckigsten dummköpfe ist,
die mir noch vorgekommen sind) großes Aufsehen, was für den Bildungsgrad
derselben spricht, und soll als der Ausspruch der Armée gelten! es scheint,
man will ein pronunciamento des heeres provociren. das könnte aber leicht
anders ausfallen, als man denkt, ich glaube, daß ich über die stimmung
desselben ziemlich genau informirt bin. das heer, d.h. die offiziere, wollen
Avancement und Zulagen, wer ihnen dieses gibt, dem dienen sie.
unser ministerium, gegen welches diese Bewegung vorzugsweise gerich-
tet ist, schustert mittlerweilen in der alten Weise fort, die finanznoth wird
immer ärger, die verschwendung immer größer. die Angriffe des lloyd wer-
den, weil man sie nicht beantworten kann, durch drohungen an die redac-
tion niedergeschlagen, in ungarn und italien geht es immer schlechter.
einen vortrefflichen einfluß haben dagegen die vorgänge in kurhessen.
das Beyspiel eines ruhigen, legalen Widerstandes gegen die verfassungs-
eingriffe der regierung wird auch hier nicht verloren gehen, und wer weiß,
ob es nicht einmal zur nachahmung wird hervorgeholt werden. – – dabey
spielt der klägliche schwarzenbergsche Bundestag in frankfurt die elende-
ste rolle von der Welt, er möchte gerne für hassenpflug interveniren und
wagt es nicht.2 man muß nur hier dafür sorgen, daß diese vorgänge gehörig
verbreitet und illustrirt werden.
heute ist mein 37. geburtstag. das war ein Jahr, leer an freuden, reich
an Bitterkeiten, aber kein verlorenes, gerade solche Jahre stählen und ver-
steinern den charakter des mannes.
neulich kam der ehemalige frankfurter Abgeordnete, nunmehrige Profes-
sor in göttingen, rösler (aus Wien),3 der einzige oesterreicher, welcher sich
1 (emerich [Antal] v. Babarczy,) Bekenntnisse eines soldaten (Wien 1850).
2 die kurhessischen landstände hatten als reaktion auf die einsetzung eines ultrakonser-
vativen Ministeriums unter Ludwig Hassenpflug dem Kurfürsten das Budget verweigert,
worauf dieser das Parlament am 2.9.1850 auflöste, die Forterhebung der Steuern anord-
nete und am 7. september zur Bekämpfung des allgemeinen Widerstandes den kriegszu-
stand erklärte. Während das kasseler oberappellationsgericht die steuerverordnung für
verfassungswidrig erklärte, ersuchte der kurfürst den Bundestag um intervention.
3 richtig emil franz rössler, Abgeordneter in frankfurt für den böhmischen Wahlkreis
„Österreich wird meine Stimme erkennen lernen wie die Stimme Gottes in der Wüste“
Tagebücher 1839–1858, Volume II
- Title
- „Österreich wird meine Stimme erkennen lernen wie die Stimme Gottes in der Wüste“
- Subtitle
- Tagebücher 1839–1858
- Volume
- II
- Author
- Viktor Franz Freiherr von Andrian-Werburg
- Editor
- Franz Adlgasser
- Publisher
- Böhlau Verlag
- Location
- Wien
- Date
- 2011
- Language
- German
- License
- CC BY-NC-ND 4.0
- ISBN
- 978-3-205-78612-2
- Size
- 17.0 x 24.0 cm
- Pages
- 716
- Keywords
- Viktor Andrian-Werburg (1813 - 1858), Revolution 1848, Austrian Neoabsolutism, Austria future (1842), Late Vormärz, Reform and Repression
- Category
- Biographien