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September 1850
mit schmerling hatte ich eine lange und ernste unterredung. nachdem wir
lange von den Zuständen (welche ihm wenn auch nicht rosenfarb, doch noch
weit weniger dunkel erscheinen, als sie es wirklich sind) gesprochen, sagte
ich ihm, meine öconomischen verhältnisse hätten sich in der letzten Zeit so
sehr verschlimmert, daß es mir wenn auch nicht absolut nothwendig, doch
sehr wünschenswerth seyn würde, eine angemessene Anstellung zu erhalten,
vorausgesetzt daß diese von der Art sey, daß sie mit meiner politischen ehre
und consequenz vereinbar wäre. Auf schmerlings Begehren nannte ich der-
gleichen, z.B. eine statthalterschaft in italien oder eine außer jeder Politik
stehende stellung, z.B. eine generaldirection der communicationen etc. ich
wünschte daher von ihm (schmerling) zu erfahren, ob man mir, da ich noch
immer von seiten seiner collegen Anträge, vorwürfe etc. vernehmen müsse,
einen solchen Posten offeriren werde oder nicht? um danach meine Anstalten
zu treffen. schmerling schimpfte weidlich über Bach, der keinen bedeutenden
menschen aufkommen lassen wolle, mit dem überhaupt nicht länger zu exi-
stiren sey etc., und meinte, er wolle mit Bruck und krauss, welche Beyde mit
ihm einerley Ansicht wären, sprechen und dieses förmlich zu einem gegen-
stande der ministerberathung machen, natürlich ohne das motiv zu berühren,
welches mich bewogen hatte, mit ihm darüber zu sprechen.
ich war zu diesem entschlusse nach reiflicher überlegung gekommen,
meine finanziellen verhältnisse, welche ich schmerling noch weit weniger
zerrüttet geschildert habe, als sie es in Wahrheit sind, die nothwendigkeit,
endlich ernstlich an meine Zukunft zu denken und mir wo möglich einen
häuslichen herd zu gründen, namentlich für Zeiten einer gezwungenen
unthätigkeit wie die jetzige, Zeiten, die wahrscheinlich in meinem leben
noch öfters wiederkehren werden, und die überzeugung, daß eine ansehn-
liche stellung der sicherere, ja vielleicht in meiner lage der einzige Weg
sey, um zu diesem Zwecke zu gelangen, endlich die überzeugung von der
wahrscheinlichen fruchtlosigkeit Alles dessen, was ich bisher zum Behufe
der organisirung einer gesetzlichen opposition unternommen habe, bey der
täglich mehr schwindenden Aussicht auf eine friedliche entwicklung unse-
rer Zustände. Alles dieß zusammengenommen hatte in mir den entschluß
erweckt, pour l’acquit de ma conscience noch einen schritt zu thun. ich bin
im Zweifel, ob derselbe ein resultat haben wird, weiß auch nicht einmal, ob
ich dieß wünsche. denn es wird in mir die sehnsucht immer lebhafter, in
einem milden schönen clima, etwa in neapel, mich niederzulassen, dort das
leben in ruhe zu genießen und den Anfang des 2. Actes unserer revolution
abzuwarten, welcher meiner Ansicht nach nicht mehr sehr lange ausbleiben
wird. dieses wäre mir das Angenehmste, aber es ist, da menschliche Berech-
nungen immer ungewiß sind, ein hazardspiel, und da räth mir denn meine
vernunft, ein sichereres spiel zu spielen. das habe ich gethan und erwarte
„Österreich wird meine Stimme erkennen lernen wie die Stimme Gottes in der Wüste“
Tagebücher 1839–1858, Volume II
- Title
- „Österreich wird meine Stimme erkennen lernen wie die Stimme Gottes in der Wüste“
- Subtitle
- Tagebücher 1839–1858
- Volume
- II
- Author
- Viktor Franz Freiherr von Andrian-Werburg
- Editor
- Franz Adlgasser
- Publisher
- Böhlau Verlag
- Location
- Wien
- Date
- 2011
- Language
- German
- License
- CC BY-NC-ND 4.0
- ISBN
- 978-3-205-78612-2
- Size
- 17.0 x 24.0 cm
- Pages
- 716
- Keywords
- Viktor Andrian-Werburg (1813 - 1858), Revolution 1848, Austrian Neoabsolutism, Austria future (1842), Late Vormärz, Reform and Repression
- Category
- Biographien