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September 1850
jetzt in Wien viel zu sehen hoffe. ohnehin wird meines Bleibens in Wien
nicht lange seyn. macht sich in hinsicht meiner Anstellung nichts (wie ich
nach den gemachten erfahrungen beynahe glauben muß), so gehe ich noch
im laufe des october nach italien.
es scheint mir immer wahrscheinlicher, daß der kampf zwischen dem mi-
nisterium und der Armée (eigentlich der momentan dominirenden coterie
in derselben) um die gewalt im staate nächstens zum Ausbruche kommen
wird. die wiederholte verurtheilung klutschaks, des redacteurs der Zeitung
der regierungsparthey in Prag, und eine menge anderer Anzeichen deuten
darauf hin, und ich glaube beynahe, daß das militair in dem kampfe siegen
wird, ja ich weiß nicht, ob ich dieses nicht sogar wünsche, der Bagage, wel-
che jetzt die Portefeuilles innehat, wird dadurch der hals gebrochen, und die
militairwirthschaft wird keine sechs monathe dauern, dazu sind die leute
zu ungeschickt, dazu sind unsere finanzen zu zerrüttet, und was die haupt-
sache ist, dazu sind schon zu viele alte institutionen vernichtet und neue
ins leben getreten: die gemeindeverfassung, die neue gerichtsordnung,
die Presse etc. kann man auch einiges davon wieder rückgängig machen,
so bleibt doch noch genug, woran sich der Absolutismus brechen wird, und
dann wird man endlich einsehen, daß nur eine solche constitutionelle ver-
fassung möglich ist, welche sich auf den Besitz, das recht und die conser-
vativen klassen stützt, nicht auf Bajonnette und ebensowenig auf unmögli-
che theorieen und auf eine Bureaukratie. oder aber, und dieses scheint mir
das Wahrscheinlichere, wird es an eine zweyte revolution und dießmal mit
zahlreichem kopfabschneiden gehen, und da muß man dann trachten, lieber
zur activen als zur passiven Parthey zu gehören. die Zeiten der gefühlvollen
idyllen sind überhaupt vorbey.
Auch die äußeren verhältnisse verwickeln sich, der Bundestag hat –
dumm genug – für den kurfürsten Parthey genommen, Preußen aber hat er-
klärt, daß es jede thatsächliche einmischung als casus belli ansehen werde,
und das verfahren des landes in einer officiellen note gebilligt.1 Zugleich ist
radowitz minister der auswärtigen Angelegenheiten geworden. nun stehen
die ochsen, genannt schwarzenberg & c. am Berge. Was radowitz für eine
rolle spielen will? ist bey einem manne wie er schwer vorherzusagen. Berns-
torff hat Wien verlassen.
1 der von österreich geführte und von Preußen nicht anerkannte Bundestag in frankfurt
hatte auf den kurhessischen Antrag auf Bundesintervention am 21.9.1850 erklärt, „alle zur
sicherung oder Wiederherstellung des gesetzlichen Zustandes erforderlich werdenden An-
ordnungen zu treffen.“ gegen diese unterstützung des kurfürsten und damit angedeutete
Bundesintervention protestierte Preußen scharf, vor allem aus strategischen interessen.
durch kurhessen verliefen die wichtigsten verbindungsstraßen zwischen den östlichen
und westlichen preußischen Provinzen.
„Österreich wird meine Stimme erkennen lernen wie die Stimme Gottes in der Wüste“
Tagebücher 1839–1858, Volume II
- Title
- „Österreich wird meine Stimme erkennen lernen wie die Stimme Gottes in der Wüste“
- Subtitle
- Tagebücher 1839–1858
- Volume
- II
- Author
- Viktor Franz Freiherr von Andrian-Werburg
- Editor
- Franz Adlgasser
- Publisher
- Böhlau Verlag
- Location
- Wien
- Date
- 2011
- Language
- German
- License
- CC BY-NC-ND 4.0
- ISBN
- 978-3-205-78612-2
- Size
- 17.0 x 24.0 cm
- Pages
- 716
- Keywords
- Viktor Andrian-Werburg (1813 - 1858), Revolution 1848, Austrian Neoabsolutism, Austria future (1842), Late Vormärz, Reform and Repression
- Category
- Biographien