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Dezember 1850
doch wird bey dieser inneren und auswärtigen Politik kein Anderer viel
Besseres machen können. Jetzt sollen die zinstragenden staatsnoten unter
100 fl. eingezogen werden, gewiß eine vernünftige maßregel. Auch an die re-
form der Bank (welche sich so eben wieder, unerverschämter Weise, tüchtige
dividenden festgesetzt hat) sollte endlich geschritten werden.
Wozu die dresdner conferenzen führen werden? weiß gott, man wird den
Bundesbeschluß vom 12. July 48 revociren,1 den Bundestag wiederherstel-
len, unter wechselndem vorsitze, eine executivgewalt einsetzen, die revi-
sion der Bundesgesetzgebung einer commission übertragen etc., tout cela
ira fort bien, aber eine, irgend eine, ständevertretung? Alle staaten wer-
den darauf dringen, und oesterreich kann nicht einwilligen, am ende wird
ein plictrie2 beliebt werden, welches niemand recht seyn wird, und das alte
spiel und Preußens intriguen (welche ihm durch seine stellung zur notwen-
digkeit gemacht sind) werden wieder angehen, und bey dem nächsten An-
stoße werden wir sehen, was daraus wird, der kern bleibt immer: Preußen
muß zu grunde gehen oder wenigstens norddeutschland erwerben.
es wird reducirt, jedoch nicht sehr bedeutend, in Böhmen bleiben 2 Ar-
méecorps: erzherzog Albrecht und clam, die aus italien und ungarn gezo-
genen truppen oder ihr équivalent kehren zurück. radetzky glaubt noch
immer, daß er nächstens in Piemont auf eigenen Wunsch des königs wird
interveniren müssen, ich glaube es kaum. Was mit italien geschieht, wissen
die götter, von hier ist so eben wieder eine deputation nach Wien.
neulich sah ich den gefängnißreisenden mr. Appert, welcher mir hor-
rende dinge von unseren gefängnissen etc. erzählte, er veröffentlicht so
eben in einem starken Werke seine Beobachtungen.3 hoffentlich wird dieses
gutes bewirken.
die reichszeitung gab mir neulich schuld, ich sey der urheber jener
steyerischen landtagspetitionen.4 Andererseits werde ich als verfasser ei-
ner in hamburg erschienenen Brochure: dualismus und mediatisirung,5
in deutschen Blättern genannt, die ich mir daher verschrieben habe. Jeden
1 in ihrer letzten sitzung am 12.7.1848 hatte die Bundesversammlung die „ihr verfassungs-
mäßig zustehenden Befugnisse und Verpflichtungen namens der von ihr vertretenen Regie-
rungen auf die für deutschland eingesetzte provisorische Zentralgewalt“ übertragen.
2 wohl bliktri (ungarisch) – kleinigkeit.
3 Benjamin-nicolas-marie Appert, die gefängnisse, spitäler, schulen, civil- und militär-
Anstalten in österreich, Bayern, Preußen, sachsen, Belgien (nebst einer Widerlegung des
Zellensystems). 3 Bde. (Wien 1851–1852).
4 die österreichische reichszeitung ist in keiner der Wiener Bibliotheken für diesen Zeit-
raum vorhanden. Sie erschien von November 1849 bis 1852 und galt als offiziöses Blatt des
ministerpräsidenten fürst felix schwarzenberg.
5 mediatisierung und dualismus in deutschland (hamburg 1851).
„Österreich wird meine Stimme erkennen lernen wie die Stimme Gottes in der Wüste“
Tagebücher 1839–1858, Volume II
- Title
- „Österreich wird meine Stimme erkennen lernen wie die Stimme Gottes in der Wüste“
- Subtitle
- Tagebücher 1839–1858
- Volume
- II
- Author
- Viktor Franz Freiherr von Andrian-Werburg
- Editor
- Franz Adlgasser
- Publisher
- Böhlau Verlag
- Location
- Wien
- Date
- 2011
- Language
- German
- License
- CC BY-NC-ND 4.0
- ISBN
- 978-3-205-78612-2
- Size
- 17.0 x 24.0 cm
- Pages
- 716
- Keywords
- Viktor Andrian-Werburg (1813 - 1858), Revolution 1848, Austrian Neoabsolutism, Austria future (1842), Late Vormärz, Reform and Repression
- Category
- Biographien