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Dezember 1850
als im Apollo mit einigen Bekannten logen auf den Winter gemiethet, in-
dem man jetzt nicht mehr wie sonst von einer loge zur anderen Besuche
machen kann. die meisten hiesigen damen boudiren, kommen entweder gar
nicht ins theater oder sehen doch keine deutschen, weniger aus freyer nei-
gung, als weil sie durch einige dumme Jungen, meist mailänder, terrorisirt
werden und in ihren hasenfüßigen männern, Brüdern etc. keine unterstüt-
zung gegen etwaige insulten finden. in der fenice gibt man louisa miller
und ein langweiliges Ballett, im Apollo ernani, beydes schlecht, daher wenig
leute und noch weniger Applaus. ich sitze viel bey meiner herzigen hüb-
schen morselli, die in der fenice singt, und theile meine Abende, wenn ich
nicht im theater bin, zwischen mein altes kleeblatt: taglioni, Pallavicini
und esterhazy, neulich war ein langweiliges tänzchen bey uexküll, wozu
ich leider geladen war, den zahllosen hoheiten, die hier sind, bin ich bisher
noch glücklich entkommen, weiß aber nicht, ob mir dieß auf die dauer gelin-
gen wird. ich spüre nicht die geringste lust zu Praesentationen, festen und
empfängen. ich bin hier, um auszuruhen und die sonne, das klima und das
far niente zu genießen.
die Antworten, welche ich aus Wien hinsichtlich des reichsrathes erhal-
ten habe, deuten darauf hin, daß derselbe durch schwarzenberg ohne vor-
wissen der andern minister ins leben gerufen ward, ein übertünchter vor-
märzlicher staatsrath werden dürfte, daher für mich und meinesgleichen
wenig chancen. die commission zur entwerfung der statuten besteht aus
Buol, salm, Pilgram und dgl., dennoch halte ich es für angemessen, wenig-
stens schritte zu thun, damit einige von uns als ferment und zukünftiges
oppositionselement hineinkommen, und habe in diesem sinne an stifft und
auch an schmerling geschrieben.1 stifft ist wenn auch keine politische, so
doch eine finanzielle capacität.
die mir zugeschriebene Brochure: dualismus und mediatisirung in
deutschland, ist vortrefflich und drückt beynahe vollständig meine gedan-
ken aus. in dresden ist bisher nichts geschehen als daß Bayern die volks-
vertretung am Bunde beantragt hat, hic rhodus hic salta. in kassel sind
endlich die Bayern und wir eingerückt, und leiningen ist als menschen-
fresser aufgetreten, da hat wahrscheinlich manteuffel & c. in dresden
lärm gemacht, und schwarzenberg hat comme de coutume nachgegeben.
die Bayern sind fort, der kurfürst zurück, und von der verlangten unter-
1 „Aber habe ich an schmerling geschrieben, daß ich in denselben ernannt werden will, und
ihm befohlen sich dafür zu verwenden. […] übrigens scherz bey seite, ist schmerling der
vernünftigste, geschickteste und beste politische kopf unter allen seinen collegen und
sieht sehr wohl ein, daß ein reichsrath in jene richtung [wie der alte staatsrat] sehr ge-
fährlich wäre.“ (Andrian an seine Schwester Gabriele, 1.1.1851; K. 114, Umschlag 662).
„Österreich wird meine Stimme erkennen lernen wie die Stimme Gottes in der Wüste“
Tagebücher 1839–1858, Volume II
- Title
- „Österreich wird meine Stimme erkennen lernen wie die Stimme Gottes in der Wüste“
- Subtitle
- Tagebücher 1839–1858
- Volume
- II
- Author
- Viktor Franz Freiherr von Andrian-Werburg
- Editor
- Franz Adlgasser
- Publisher
- Böhlau Verlag
- Location
- Wien
- Date
- 2011
- Language
- German
- License
- CC BY-NC-ND 4.0
- ISBN
- 978-3-205-78612-2
- Size
- 17.0 x 24.0 cm
- Pages
- 716
- Keywords
- Viktor Andrian-Werburg (1813 - 1858), Revolution 1848, Austrian Neoabsolutism, Austria future (1842), Late Vormärz, Reform and Repression
- Category
- Biographien