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Jänner 1851
toggenburg und strasoldo sind zu statthaltern ernannt, in venedig und
mailand, welches jedoch ihr verhältniß zur militärregierung seyn wird? ist
noch nicht ausgesprochen, wahrscheinlich wird gorczkowskys regiment
hier und das von carl schwarzenberg (eigentlich seines erwarteten nach-
folgers) in mailand aufhören, und ebenso die civilsektion in verona, und die
ingerenz des militärs, recte radetzkys, auf einige gegenstände der hohen
Polizey beschränkt werden. Wie sich das in praxi herausstellen wird, und
was für tiraillements nun zwischen den militär- und den civilautoritäten
folgen werden, wollen wir sehen. gerne und leicht werden die troupiers die
Zügel nicht fahren lassen. strasoldo ist eine null, toggenburg ein klarer ent-
schiedener, jedoch ziemlich beschränkter Bureaumann, eine brauchbare ma-
schine ohne äußere formen und irgendwelche glänzende eigenschaften, da-
her gerade in italien nicht an seinem Platze. mit solchen menschen wird die
regierung in diesem lande nicht an Ansehen gewinnen. überhaupt sehe ich
die Zeiten louis Philippes für uns kommen, und es werden sich, wie damals
in frankreich, alle höheren classen von den repräsentanten der regierung
zurückziehen.1 die folgen davon haben wir gesehen.
gestern führte Jennison den grafen kokorczowa aus Böhmen zu mir, der
zu der Wurmbrand – Procop lazanzky – Windischgrätzschen coterie gehört,
welche eine Art von kreuzzeitungsparthey gründen möchte, aber dazu in der
Apathie und dummheit unserer standesgenossen hinternisse findet, die vor
der hand kaum zu überwinden seyn werden. Wüßten die leute was sie wol-
len, und wollten sie etwas mögliches, so wäre es mir ganz recht, bis zu dem
standpunkte eines englischen tory könnte man allenfalls gehen, könnte so-
gar ich in gewisser Beziehung mitgehen, wollen sie aber weiter zurück, so
wird die sache zum unsinn.
neulich hörte ich bey nani esterhazy einen vortrefflichen Pianisten, mr.
croze aus Paris, einige tage darauf hörte ich ihn wieder bey dem russischen
consul khwostoff, zu dessen unausstehlichen soiréen ich endlich dennoch
gepreßt wurde. gestern war ich auf einem recht hübschen kleinen Balle bey
taglioni, wo ich sogar genöthiget wurde, ein paar touren zu tanzen, leopol-
dine erdödy ist eine außerordentlich liebliche angenehme erscheinung, den
heutigen Abend brachte ich bey nani esterhazy zu. gräfinn lützow, die bey-
den erdödys, therese erdödy, resi hohenlohe, miss louisa oconnor, Jane
Pallavicini, endlich die taglioni bilden so ziemlich meinen kreis von damen,
1 ganz ähnlich äußerte sich ein informant Andrians in einem nicht gezeichneten Brief aus
Wien v. 6.12.1850 (k. 115, umschlag 666): „Auch ich stimme nach den erfahrungen der
letzten Wochen dafür, die dinge ganz sich selbst zu überlassen und seinen Alltagsgeschäf-
ten nachzugehen. den herrn […] ist von unserer seite nicht mehr zu helfen. ich ziehe mich
ebenfalls schneckenartig zurück.“
„Österreich wird meine Stimme erkennen lernen wie die Stimme Gottes in der Wüste“
Tagebücher 1839–1858, Volume II
- Title
- „Österreich wird meine Stimme erkennen lernen wie die Stimme Gottes in der Wüste“
- Subtitle
- Tagebücher 1839–1858
- Volume
- II
- Author
- Viktor Franz Freiherr von Andrian-Werburg
- Editor
- Franz Adlgasser
- Publisher
- Böhlau Verlag
- Location
- Wien
- Date
- 2011
- Language
- German
- License
- CC BY-NC-ND 4.0
- ISBN
- 978-3-205-78612-2
- Size
- 17.0 x 24.0 cm
- Pages
- 716
- Keywords
- Viktor Andrian-Werburg (1813 - 1858), Revolution 1848, Austrian Neoabsolutism, Austria future (1842), Late Vormärz, Reform and Repression
- Category
- Biographien