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Tagebücher428
und zwar einen recht angenehmen hausbackenen, vortrefflich, um sich auf
einen gesunden schlaf vorzubereiten. die kleinen cancans, z.B. gegen die
taglioni, pour avoir montré ses cuisses en public au lieu de les montrer en
particulier, ignorire ich.
in dresden noch nichts erhebliches, doch scheint schwarzenberg durch
sein persönliches Auftreten manteuffel in manchen stücken das neue Jahr
abgewonnen zu haben. gegen eine volksvertretung am Bunde ist man
ebenso in Preußen wie bey uns, aus denselben gründen. der Bund von 1815
muß und wird gelockert werden, bloß auf materielles und militärisches be-
schränkt. dagegen aber wird das freye unionsrecht zugegeben werden und
damit, wenn oesterreich geschickt ist, der dualismus, solange Preußen
nicht arrondirt ist, ist keine stabilität zu erwarten.
[venedig] 12. Jänner
meine nerven fangen erst seit gestern an sich zu erholen, da wir seit gestern
Bora und mit ihr schöne kalte tage haben, vor ein paar tagen war mir so
schlecht, daß ich anfing furchtsam zu werden. das hiesige clima wäre nichts
für mich, auch im übrigen ist mir italien, wo ich doch sonst recht gerne lebte,
jetzt unangenehm, fremd und antipathisch geworden. dieses alte Weiber-
leben, ohne andere Beschäftigung und interessen als etwas geraffelwerk,
Bilder und musik, wäre mir auf die länge unerträglich.
gorczkowsky wird alle tage dummer und willkürlicher, vielleicht weil er
das ende seiner herrschaft herannahen sieht, läßt wegen der lächerlichsten
ursachen, ja auch aus bloßem mißverständniß leute einsperren und tage
lang sitzen, verfolgt die drey farben,1 selbst wo sie am unschuldigsten, ja
gar nicht zu vermeiden sind, ist grob und insolent mit aller Welt, ich hätte
ihm, wäre ich minister, schon längst einen tritt vor den hintern gegeben.
Aus Wien lauten meine Berichte immer confuser, nur darin einig, daß von
tag zu tage Alles schlechter geht, der unmuth und das mißtrauen wächst.
im vordergrunde stehen die finanzen. das silber erhält sich fortwährend
auf 30%, der neue finanzausweis weiset ein großes deficit nach, die Armée
kostet monatlich 13 millionen, und was noch unverzeihlicher ist, der hof-
staat über 8 millionen jährlich, während er sonst 4 kostete! das heißt doch
der monarchie die allerhandgreiflichste ohrfeige geben! der junge herr hat
überhaupt große Anlage zum despoten und satrapen. ich finde, daß unser
herr gott sehr wenig erfinderisch ist, immer die alten wohlbekannten cha-
raktere, daher auch die nämlichen entwickelungen.
krauss ist unter kübecks tutel gestellt worden, ob da was herauskömmt?
unmöglich, der finanzminister für sich allein, und wann er vom himmel fiele,
1 die italienische trikolore.
„Österreich wird meine Stimme erkennen lernen wie die Stimme Gottes in der Wüste“
Tagebücher 1839–1858, Volume II
- Title
- „Österreich wird meine Stimme erkennen lernen wie die Stimme Gottes in der Wüste“
- Subtitle
- Tagebücher 1839–1858
- Volume
- II
- Author
- Viktor Franz Freiherr von Andrian-Werburg
- Editor
- Franz Adlgasser
- Publisher
- Böhlau Verlag
- Location
- Wien
- Date
- 2011
- Language
- German
- License
- CC BY-NC-ND 4.0
- ISBN
- 978-3-205-78612-2
- Size
- 17.0 x 24.0 cm
- Pages
- 716
- Keywords
- Viktor Andrian-Werburg (1813 - 1858), Revolution 1848, Austrian Neoabsolutism, Austria future (1842), Late Vormärz, Reform and Repression
- Category
- Biographien