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44316.
März 1851
[venedig] 11. märz Abends
ich hatte meine Abreise um einen tag aufgeschoben, weil heute ein gro-
ßes dampfschiff abgehen und ich die neue oper rigoletto von verdi sehen
wollte. dagegen ist heute ein schändliches Wetter mit sturm, und anstatt
des großen das schlechteste aller dampfboote gekommen. ich werde da-
her morgen entweder, wenn Wetter und schiff günstiger sind, nach triest,
oder aber noch wahrscheinlicher zu lande über udine nach görz fahren
und dann von görz über triest nach Wien gehen. ich habe mein haus be-
stellt, meine Abschiedsbesuche gemacht und bin reisefertig, fast gehe ich
ungern weg. venedig hat, wie ich aus öfterer erfahrung weiß, etwas An-
ziehendes, das sich erst im Augenblicke des scheidens fühlbar macht, eine
Art von Zauber, welcher eben in der ruhe und dem far niente des hiesigen
schlaraffenlebens liegt. Auch lasse ich manche gute freunde hier, wie ho-
henlohe, Pallavicini, m. Berchtold etc., und namentlich bey mir ist die Zahl
meiner freunde überhaupt nicht dicht gesäet. selbst von meiner luigia
[morselli] ist mir der Abschied schwerer gefallen, als ich gedacht hatte. ich
hatte sie besonders in der letzten Zeit fast täglich gesehen, Promenaden
mit ihr gemacht etc., ihr humor und ihre südliche natürlichkeit waren für
mich große ressourcen. gestern Abends besuchte ich noch toggenburg,
unsere Ansichten harmoniren nicht, aber als mir untergeordnet könnten
wir uns vertragen. franceschinis und martello, welche mir heute einen Ab-
schiedsbesuch machten, brachten mir hiesige Zeitungen, worin aus dem
Wiener neuigkeitsstrom die notiz stand, ich hätte die mir von kübeck an-
getragene Berufung in den reichsrath abgelehnt. da nun gar nichts der-
gleichen vorgekommen ist, so muß eine intrigue dahinter stecken, aber
welche? sie kann von verschiedenen seiten und in verschiedener Absicht
kommen. ich bin noch nicht einig mit mir, ob und was ich darüber äußern
soll.
neulich hatte ich ein Abschiedsdiner bey marmont mit nani esterhazy
und Pierre Arenberg, heute aß ich noch bey m. Berchtold, und sie kam dann
in meine loge, um verdis neue oper zu hören, die ich ziemlich langweilig
fand.
görz 16. märz
Am 12. um 3 uhr nachmittags verließ ich venedig mit der eisenbahn und
fuhr von mestre nach einem einstündigen Aufenthalte mit der malleposte
weiter, ich hatte bloß einen reisegefährten, einen Beamten aus venedig,
der mir unterweges seine hauts faits als hauptmann der nationalgarde
während der revolutionszeit erzählte. in treviso nahm ich etwas zu mir
und war um 6 uhr morgens in udine. um 8 fuhr ich ganz allein im cou-
rier weiter bis görz, wo ich gegen 1 uhr ankam und in den drey kronen
„Österreich wird meine Stimme erkennen lernen wie die Stimme Gottes in der Wüste“
Tagebücher 1839–1858, Volume II
- Title
- „Österreich wird meine Stimme erkennen lernen wie die Stimme Gottes in der Wüste“
- Subtitle
- Tagebücher 1839–1858
- Volume
- II
- Author
- Viktor Franz Freiherr von Andrian-Werburg
- Editor
- Franz Adlgasser
- Publisher
- Böhlau Verlag
- Location
- Wien
- Date
- 2011
- Language
- German
- License
- CC BY-NC-ND 4.0
- ISBN
- 978-3-205-78612-2
- Size
- 17.0 x 24.0 cm
- Pages
- 716
- Keywords
- Viktor Andrian-Werburg (1813 - 1858), Revolution 1848, Austrian Neoabsolutism, Austria future (1842), Late Vormärz, Reform and Repression
- Category
- Biographien