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April 1851
mein neuliches Anerbiethen zu sagen haben würde. schwarzenberg fragte
mich sogleich, ob ich mit Bach gesprochen habe? was mir beweist, daß er
an eine diplomatische verwendung nicht denkt oder nicht denken will. ich
erzählte ihm, was ich Bach gesagt habe, er aber erhob schwierigkeiten gegen
eine ernennung zum statthalter, das sey, meinte er, für den Anfang zuviel,
es seyen bereits mehrere für die nächsten Posten dieser kategorie vorge-
merkt, und die regierung dürfe, wenn sie nicht alle Welt in die Arme der
opposition treiben wolle, männer, welche sey es nun wirklich oder auch nur
anscheinend dieser angehört hätten, nicht so glänzend auszeichnen. ich ant-
wortete hierauf, indem ich ungefähr das wiederholte, was ich ihm das letzte
mahl gesagt hatte und dazu bemerkte, daß, wenn ich mich auch von jeder
thatsächlichen opposition gegen das ministerium entfernt halte, ich doch
nicht verhindern könne, daß mein name als drapeau gebraucht würde, und
dieses um so weniger, solange ich in meiner jetzigen unbeschäftigten stel-
lung bliebe, welche von aller Welt meinem freyen entschlusse, also meiner
Abneigung, unter diesem ministerio zu dienen, zugeschrieben werde. übri-
gens habe man die meisten der gegenwärtigen statthalter wahrhaftig weder
unter den capacitäten noch unter den sonstigen illustrationen gesucht und
gefunden, so daß ich, der ich nebst meiner Persönlichkeit auch noch einen
nahmen mitbringe, jedenfalls nur ein gewinn für die regierung seyn könne.
schließlich erklärte ich ihm, daß nach den erlebnissen der letzten Jahre jede
Ambition in dieser richtung unmöglich gemacht sey, daß eine diätenclasse
höher oder niederiger mir weder an Bedeutung nehmen noch zulegen könne,
daß ich daher nur im Allgemeinen wünsche, einen Wirkungskreis zu erhal-
ten, worin ich etwas leisten und mich beschäftigen könne, falls derselbe nur
halbwegs annehmbar sey.
Aus Allem diesem sehe ich, daß schwarzenberg einen eingewurzelten
leidenschaftlichen haß gegen Alles trägt, was sich an der ständischen Be-
wegung vor dem Jahre 1848, der er stupid genug alle schuld gibt, bethei-
ligte, und ebenso gegen Alles was im Jahre 1848 selbst auf irgend eine Weise
hervortrat. er möchte menschen und dinge, die von da her stammen, am
liebsten ignoriren und möglichst demüthigen. mir war diese unterredung
ziemlich pénible, da ich sah, daß er seine jetzige vortheilhafte stellung ohne
rücksicht benützen wollte, und ich anderseits in der meinigen verhindert
war, ihm ganz so zu antworten, wie ich gewollt hätte, obwol ich mir nichts
vergab und die rolle eines Paciscenten, nicht die eines Bittstellers, stets fest-
hielt.
Auf meinen Wunsch, mich dem kaiser vorzustellen, ging er, jedoch ohne
sich über die frage: ob mich derselbe auch empfangen werde? auszuspre-
chen, schnell, beynahe zu schnell ein und sagte mir, er wolle dem kaiser da-
von sprechen, noch ehe ich ihn darum ersuchen konnte, so daß ich beynahe
„Österreich wird meine Stimme erkennen lernen wie die Stimme Gottes in der Wüste“
Tagebücher 1839–1858, Volume II
- Title
- „Österreich wird meine Stimme erkennen lernen wie die Stimme Gottes in der Wüste“
- Subtitle
- Tagebücher 1839–1858
- Volume
- II
- Author
- Viktor Franz Freiherr von Andrian-Werburg
- Editor
- Franz Adlgasser
- Publisher
- Böhlau Verlag
- Location
- Wien
- Date
- 2011
- Language
- German
- License
- CC BY-NC-ND 4.0
- ISBN
- 978-3-205-78612-2
- Size
- 17.0 x 24.0 cm
- Pages
- 716
- Keywords
- Viktor Andrian-Werburg (1813 - 1858), Revolution 1848, Austrian Neoabsolutism, Austria future (1842), Late Vormärz, Reform and Repression
- Category
- Biographien