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glaube, er wollte vorbauen und dem kaiser zwar davon, zugleich aber dage-
gen sprechen. ich habe daher Wege gefunden, um denselben durch erzher-
zogin sophie praepariren und günstig stimmen zu lassen. ob dieses etwas
nützen wird, werden die nächsten tage zeigen.
gestern ist das Patent wegen des reichsrathes erschienen, zugleich sind
8 reichsräthe ernannt: krieg, Purkhart, salm, Buol, salvotti, Baumgartner,
szögyényi und feri Zichy, die ungarn jubeln über diese letzteren 2 nah-
men. Bach erfuhr die nahmen erst vorgestern! überhaupt scheint sein sturz
durch diese neue institution um vieles näher gerückt. die Animosität gegen
ihn in allen kreisen ist nun schon aufs höchste gestiegen, und er scheint
ganz paralysirt und hat sich nun ganz auf die geheime Polizey geworfen, um
sich durch Allarmirung zu halten. Auch schwarzenberg, der ihn allein noch
hält, dürfte einen theil des schlages tragen, welcher Bach treffen wird.
die finanziellen verhältnisse verschlechtern sich immer mehr trotz ei-
nes ziemlich leidlichen finanzausweises für das Jahr 1850, welcher neu-
lich veröffentlicht wurde, das silber steht heute auf 33 1/2! die masse der
staatslasten ist durch die grundentlastung laut eines neulich erschienen
Patentes um 207 millionen vermehrt worden. Zugleich wird die ohnehin
schon so hochgespannte grundsteuer im kommenden Jahr aus eben jenem
grunde wieder um 5 % erhöht, was die stellung der regierung namentlich
dem landvolke gegenüber nicht erleichtert. die theuerung nimmt furchtbar
zu, daher allgemeines mißbehagen und mißvergnügen, kurz die dinge sind
sehr arg, aber noch fehlt der letzte tropfen. inzwischen langweile ich mich
hier nach herzenslust, sitze viel bey gabrielle und des Abends im theater,
casino etc., ein paarmale trieb mich die verzweiflung zu gräfinn razou-
mowsky, zu ida Bombelles etc., voilà pour mes amusemens.
[Wien] 26. April
mir scheint, mit dem ministerium geht es ganz sanft zu ende. die Bedeu-
tung des schlages, der ihnen durch die schaffung des reichsrathes versetzt
worden ist, tritt, noch ehe derselbe seine Wirksamkeit begonnen hat, täglich
mehr hervor. obwol diese institution selbst, außer in ungarn, nicht sehr
populär seyn dürfte, so freut man sich doch überall, daß damit der mini-
steriellen Allmacht ein riegel vorgeschoben ist, ob zu gunsten einer ange-
messeneren entwicklung? oder nur eines stillstandes, einer Paralysirung
der staatsmaschine bis zur nächsten revolution? wird die folge lehren.
Jedenfalls ist die fähigkeit der minister durch ihre stümperhaften versu-
che, durch ihr beständiges hin- und herschwanken und durch das traurige
resultat ihres nun 2 1/2 jährigen Pfusches so discreditirt, daß man sich
über Alles freut, was ihrem brutalen despotismus grenzen setzt. die san-
guinischen ungarn gehen hierin wieder am weitesten, sie träumen schon
„Österreich wird meine Stimme erkennen lernen wie die Stimme Gottes in der Wüste“
Tagebücher 1839–1858, Volume II
- Title
- „Österreich wird meine Stimme erkennen lernen wie die Stimme Gottes in der Wüste“
- Subtitle
- Tagebücher 1839–1858
- Volume
- II
- Author
- Viktor Franz Freiherr von Andrian-Werburg
- Editor
- Franz Adlgasser
- Publisher
- Böhlau Verlag
- Location
- Wien
- Date
- 2011
- Language
- German
- License
- CC BY-NC-ND 4.0
- ISBN
- 978-3-205-78612-2
- Size
- 17.0 x 24.0 cm
- Pages
- 716
- Keywords
- Viktor Andrian-Werburg (1813 - 1858), Revolution 1848, Austrian Neoabsolutism, Austria future (1842), Late Vormärz, Reform and Repression
- Category
- Biographien