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Tagebücher474
Jedenfalls sehe ich, daß mich auch dieser genre von vergnügungen nicht
auf lange zu fesseln im stande wäre, die Zeit dafür ist bey mir vorbey, und es
ist gut, daß ich auch dieses nun hinter mir habe. ich werde daher noch 3–4
Wochen hier bleiben und dann meine rückreise antreten, um in der ersten
hälfte september wieder in Wien zu seyn.
ich aß neulich bey hübner und brachte dann den Abend mit villers und
einem mr. de Barrande (einem legitimisten) bey grifeo und seiner alten
flamme, mad. lanskoi zu. Antonini besuchte ich heute, traf ihn aber nicht,
dagegen begegnete ich neulich kiel auf der straße, habe ihn aber seitdem
nicht finden können, was einem hier so oft widerfährt. Wenkheim geht mit
seiner frau morgen nach london, von landsleuten habe ich sonst nur orczy
und bey der gesandtschaft schloisnigg, trautmansdorf und ottenfels gese-
hen, welcher letztere mir recht gut gefällt, bey schloisnigg war ich gestern
und hatte einen langen politischen discurs mit ihm, ziemlich langweilig und
unfruchtbar, wie alle dergleichen.
villers, der ein vortrefflicher zuckersüßer dienstfertiger mensch ist, aber
etwas langweilig und mir in hunderterley Beziehungen nicht homogen,
emancipirt sich nach und nach und nimmt seine ihm mehr zusagenden fran-
zösischen Alluren an, woran er übrigens in seiner stellung ganz recht thut,
mir sind die franzosen (nicht die französinnen) fatal, ungefähr in der Art,
wenn auch weniger, als die italiener. das germanische Blut schlägt, ich mag
wollen oder nicht, bey mir durch.
neulich im châteaurouge, wo ein eigentümliches fest, von lauter da-
men dirigirt, die z.B. auch das orchester leiteten etc., gegeben wurde, ac-
crochirten mich 2 grisetten, die ich nach hause, d.h. zu einer von ihnen
führte, ein excellentes souper bestellte, um dann hungrig und durstig und
selbst ohne meinen gewöhnlichen thee (es waren schon alle cafés auf den
Boulevards geschlossen) zu Bette zu gehen und so ausgesäckelt, daß mein
concierge den fiaker zahlen mußte, eine komische geschichte, die mir viel
spaß machte.
mit dr. helmsdörfer und seinem Anhange war ich neulich einen ganzen
vormittag jenseits der seine, wir besahen uns das hôtel cluny, die sor-
bonne, st sulpice, den luxembourg, gallerie und garten etc.
morgen fangen die großen débatten über die revision an,1 wozu mir
hübner seine médaille auf die diplomatische tribune gegeben hat. tocque-
villes Bericht war der große gegenstand dieser Woche. niemand ist wie
natürlich damit zufrieden, am wenigsten die napoleonisten, die feuer und
flamme speyen und, um zu schrecken, eine Präsidentschaft ledru rollins
1 die von der regierung angestrebte verfassungsrevision, um eine Wiederwahl des Präsi-
denten zu ermöglichen, fand im Parlament keine mehrheit.
„Österreich wird meine Stimme erkennen lernen wie die Stimme Gottes in der Wüste“
Tagebücher 1839–1858, Volume II
- Title
- „Österreich wird meine Stimme erkennen lernen wie die Stimme Gottes in der Wüste“
- Subtitle
- Tagebücher 1839–1858
- Volume
- II
- Author
- Viktor Franz Freiherr von Andrian-Werburg
- Editor
- Franz Adlgasser
- Publisher
- Böhlau Verlag
- Location
- Wien
- Date
- 2011
- Language
- German
- License
- CC BY-NC-ND 4.0
- ISBN
- 978-3-205-78612-2
- Size
- 17.0 x 24.0 cm
- Pages
- 716
- Keywords
- Viktor Andrian-Werburg (1813 - 1858), Revolution 1848, Austrian Neoabsolutism, Austria future (1842), Late Vormärz, Reform and Repression
- Category
- Biographien