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Tagebücher480
Wüßte ich, daß ich noch einige Jahre der unthätigkeit vor mir hätte
(ce qui à dieu ne plaise), so würde ich allerdings nach einer anderen Art
der Beschäftigung greifen, der einzigen, die mich befriedigen würde: wis-
senschaftliche studien und zwar in meinem alten lieblingsfache, das ich
nie vernachlässigt habe, der geschichte, und würde die geschichte irgend
einer interessanten epoche oesterreichs, z.B. kaiser ferdinand ii. (wie-
wohl hurter diese bereits in Beschlag genommen hat) oder maria theresias
schreiben, spätere Zeiten, z.B. die regierung kaiser franz zu behandeln
wäre tagespolitik, der ich mich ferne halten will und muß. Aber wie gesagt,
dazu gehört eine mehrjährige muße.
in châlons angekommen, wurde ich, um meine Bagage zu erhalten, nach
echtfranzösischer Weise eine halbe stunde aufgehalten, die leute machen
Alles so regelmäßig und mathematisch, daß man über lauter unnützen for-
malitäten aus der haut fahren möchte, nirgends wird soviel befohlen und
verbothen, nirgends hat man sowenig persönliche freyheit als in frank-
reich, dem classischen Boden der Bureaukratie.
Gleich darauf fuhren wir ab, um 1/2 10, mit der Messagerie Laffitte Cail-
lard, einem schändlichen institute, ich oben auf der impériale, unter be-
ständigem schreyen, fluchen, Peitschen und lärmen und dennoch ohne
alle exactitude, wieder recht französisch, über lons-le-saulnier und den
Jura, ein Wolkenbruch hatte an mehreren stellen die straße, die ohnehin
steil und schlecht ist, beschädigt, die Pferde waren schlecht, die stationen
endlos, das Peitschen und lärmen daher ohne ende. die gegend meistens
sehr schön, über morez und les rousses, gegen mittag kamen wir über die
grenze, und von da an war wieder Alles besser und angenehmer und cul-
tivirter. Bey nyon kamen wir an den genfer see und von dort nach einer
herrlichen fahrt über coppet um 4 uhr (statt um 2) hieher. ich stieg im
hôtel des Bergues ab, an welches ich von 1839 so angenehme rückerinne-
rungen hatte, jedoch scheint mir bisher, daß weder das hôtel noch genf
überhaupt seitdem gewonnen haben. Auch die frequenz scheint mir gerin-
ger und wenigstens, was ich bisher sah, wenig reisende der guten gesell-
schaft. eigentlich sollte man orte, an denen man sich einst sehr gefallen
hat, nie wieder besuchen.
interlaken 9. August
ich blieb den 2. und 3. in genf, es war herrliches Wetter, wenn auch am
letzteren tage etwas windig, ich ging viel spatzieren, saß stunden lange
auf der rousseauinsel, ging Abends nach Plainpalais etc., besuchte alle
möglichen Bijoutiers in genf, um kleine cadeaux nach Wien einzukaufen
etc. Bekannte traf ich gar nicht. dagegen sprach mich auf der île rousseau
ein närrischer alter zerlumpter kerl mit der ehrenlegion an, erzählte mir,
„Österreich wird meine Stimme erkennen lernen wie die Stimme Gottes in der Wüste“
Tagebücher 1839–1858, Volume II
- Title
- „Österreich wird meine Stimme erkennen lernen wie die Stimme Gottes in der Wüste“
- Subtitle
- Tagebücher 1839–1858
- Volume
- II
- Author
- Viktor Franz Freiherr von Andrian-Werburg
- Editor
- Franz Adlgasser
- Publisher
- Böhlau Verlag
- Location
- Wien
- Date
- 2011
- Language
- German
- License
- CC BY-NC-ND 4.0
- ISBN
- 978-3-205-78612-2
- Size
- 17.0 x 24.0 cm
- Pages
- 716
- Keywords
- Viktor Andrian-Werburg (1813 - 1858), Revolution 1848, Austrian Neoabsolutism, Austria future (1842), Late Vormärz, Reform and Repression
- Category
- Biographien