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Oktober 1851
gehen,1 fand aber leider keinen Platz. seitdem bin ich nun hier, ging die er-
sten tage mit einer menge Projecten schwanger, wollte eine tournée an die
theiß, nach slavonien etc. machen. Aber die Wege sind, wie man mir sagt,
grundlos von dem vielen regen, die Bergfahrt im dampfschiffe auf der rück-
reise wäre langweilig, uninteressant gewesen und hätte mir nebstdem mehr
Zeit gekostet, als ich verwenden wollte, und die Postanstalten sind hier wirk-
lich noch in der kindheit. ich schrieb an mathilde Berchtold, um mich bey ihr
zu annonciren, und erhielt gestern ihre Antwort, werde daher wahrscheinlich
morgen nach oroszi fahren, 2–3 tage dort bleiben und am 19. oder 20. wieder
in Wien seyn, länger von dort wegzubleiben war überhaupt nie meine Absicht.
obwohl nach den neuesten nachrichten dort vor der hand gar nichts vorgeht,
so zieht mich doch meine niedliche cath. güttersberger dahin zurück, welche
eben jetzt eine bedeutende Anziehungskraft auf mich ausübt.
ich bin diese tage über wegen meiner Zeit gerade nicht verlegen gewe-
sen, war viel im casino, wo ich viele Bekannte fand: edmund Zichy, der
eben von den theißgegenden kömmt, mucki erdödy, imry Almásy, salo-
mon, der alte teleki etc. waren mein hauptsächlichster umgang. gestern
sah ich Zampa im ungarischen theater,2 ziemlich schlecht. heute kömmt
erzherzog Albrecht hier an, daher großer empfang, festlichkeiten, illumi-
nation etc. ein enthusiasmus existirt nicht, den haben die letzten Jahre
todtgeschlagen, und man weiß ja nicht, was er bringt. doch aber hat seine
ernennung einen guten eindruck gemacht.
nach dem, was ich in ungarn bisher gesehen und gehört habe, steht es
nicht besser, ja vielleicht schlechter als im vorigen Jahre. die verwaltung
ist die schlechteste, die je gewesen, oder vielmehr sie steht ganz still. die
landwirthschaftlichen interessen, welche in ungarn die einzigen von Be-
lang sind, sind gänzlich sich selbst oder vielmehr der Willkühr der Bauern
und hie und da der Beamten überlassen, so daß viele gutsbesitzer ihre
gründe unbebaut liegen lassen. die steuern sind mit der größten unkennt-
niß der verhältnisse umgelegt, so daß sie bey einzelnen den ganzen ertrag
absorbiren. Waldungen, hutweiden, servituten, commassationen, urbari-
alentschädigungen etc., das sind lauter unerledigte und einstweilen bren-
nende fragen, welche den ruin des landes drohen. die gerichtsbarkeit in
civilsachen steht ganz still, bis über Aviticität und Besitzrecht entschieden
ist. das moratorium besteht noch immer, niemand weiß, welche gesetze
gelten. das tabakmonopol drückt den gemeinen mann und Bauer mehr als
man wohl dachte, und ist überhaupt eine unselige maaßregel. und trotz al-
lem dem hebt sich in den an oesterreich gränzenden comitaten der Werth
1 oper von györgy császár (georg kaiser).
2 Zampa ou la fiancée de marbre, oper von ferdinand hérold.
„Österreich wird meine Stimme erkennen lernen wie die Stimme Gottes in der Wüste“
Tagebücher 1839–1858, Volume II
- Title
- „Österreich wird meine Stimme erkennen lernen wie die Stimme Gottes in der Wüste“
- Subtitle
- Tagebücher 1839–1858
- Volume
- II
- Author
- Viktor Franz Freiherr von Andrian-Werburg
- Editor
- Franz Adlgasser
- Publisher
- Böhlau Verlag
- Location
- Wien
- Date
- 2011
- Language
- German
- License
- CC BY-NC-ND 4.0
- ISBN
- 978-3-205-78612-2
- Size
- 17.0 x 24.0 cm
- Pages
- 716
- Keywords
- Viktor Andrian-Werburg (1813 - 1858), Revolution 1848, Austrian Neoabsolutism, Austria future (1842), Late Vormärz, Reform and Repression
- Category
- Biographien