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Dezember 1851
[Wien] 26. dezember
obwohl man das definitive resultat der Wahlen in frankreich bis gestern
noch nicht kannte, so ist doch aus dem bisher Bekannten gewiß, woran über-
haupt jetzt niemand mehr zweifeln konnte, daß louis napoleon und damit
zugleich der von ihm proponirte verfassungsentwurf die majorität erhält,
wenn auch eine weit geringere als im december 1848, wo er gegen 7 millio-
nen stimmen erhielt, während er jetzt kaum über 4 millionen haben dürfte,
obwohl ihm dießmal der immense einfluß der regierungsmaschine zu ge-
bothe steht, und obwohl die frage an das volk in der Art gestellt ist, daß
auch eine menge von napoleons Widersachern aus furcht vor der Anarchie
genöthiget sind, mit Ja zu stimmen. Aus allen diesen gründen bleibe ich um
so fester bey meiner meinung: daß die sache keinen Bestand haben werde.
gestern kam telegraphisch die nachricht, daß lord Palmerston abgetre-
ten und durch granville ersetzt worden sey, das erregt natürlich hier große
sensation und Jubel, nicht nur bey der eigentlichen regierungsparthey (wel-
che beynahe null ist), sondern noch weit darüber hinaus. détails und Auf-
schlüsse fehlen noch, und ich bin auf diese sehr begierig. ich glaube zwar
nicht, daß, die persönliche erbitterung abgerechnet, lord granvilles Politik
eine viel andere seyn werde, doch ist Palmerstons rücktritt jedenfalls ein
ereigniß von sehr großer Bedeutung. consolidiren sich die dinge in frank-
reich wenigstens für den Augenblick, so könnte, wenn die machthaber ver-
nünftig und leidenschaftslos wären, jetzt endlich der friede zwischen re-
volution und reaction geschlossen werden. man hat übrigens hier meiner
Ansicht nach die taktlosigkeit begangen, diesen rücktritt heute durch ein
extrablatt an den straßenecken zu veröffentlichen, was seit der ungarischen
campagne nicht geschah.
hier nichts neues, man spricht von Änderungen im gemeindewesen, in
der Justiz, in der politischen organisation etc., daher alle Beamten ebenso
wie die institutionen provisorisch und mißvergnügt. die Börse theilt übri-
gens die frohe stimmung der Pariser und anderen kontinentalbörsen (in
london findet das gegentheil statt), das silber ist bis auf 20–21 herabge-
gangen. ich amusire mich jetzt, wenn auch unbedeutend und mit vorsicht
auf der Börse zu spielen, wozu ich reitlinger verwende. diese Beschäfti-
gung und meine kathi güttersberg dienen dazu, mich bey gutem humor
zu erhalten und mich vor langer Weile zu schützen. dieser letzteren habe
ich neulich einen niedlichen Weihnachtsbaum bereitet, sie ist eine sehr
niedliche, naive, unterhaltende Person und gefällt mir besser und länger
als die meisten ihrer vorgängerinnen, doch muß auch dieses sein ende ha-
ben, und zwar wird dieses nun bald geschehen, indem ich nämlich Anfangs
kommenden monats abreisen werde, bisher neige ich für Brüssel vor, wel-
ches man mir als einen angenehmen Winteraufenthalt geschildert hat, ich
„Österreich wird meine Stimme erkennen lernen wie die Stimme Gottes in der Wüste“
Tagebücher 1839–1858, Volume II
- Title
- „Österreich wird meine Stimme erkennen lernen wie die Stimme Gottes in der Wüste“
- Subtitle
- Tagebücher 1839–1858
- Volume
- II
- Author
- Viktor Franz Freiherr von Andrian-Werburg
- Editor
- Franz Adlgasser
- Publisher
- Böhlau Verlag
- Location
- Wien
- Date
- 2011
- Language
- German
- License
- CC BY-NC-ND 4.0
- ISBN
- 978-3-205-78612-2
- Size
- 17.0 x 24.0 cm
- Pages
- 716
- Keywords
- Viktor Andrian-Werburg (1813 - 1858), Revolution 1848, Austrian Neoabsolutism, Austria future (1842), Late Vormärz, Reform and Repression
- Category
- Biographien