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Tagebücher520
mit geringer etc. zu bestimmen! niemand erwartet ein vernünftiges resul-
tat. Andererseits soll fürst metternich, kübeck etc. gegen die Patente vom
1. dieses monats und namentlich ersterer gegen schwarzenbergs preußen-
feindliche Politik opponiren und für eine ständische verfassung seyn! es ist
beynahe komisch zu denken, wie sich die menschen und verhältnisse geän-
dert haben. Auf der Börse ist nun die reaction gegen den december Jubel
eingetreten. das silber steht nun schon wieder gegen 27° [sic].
ich gehe dießmal beynahe mit schwerem herzen und wirklich mehr aus
raison als vergnügen weg. Abgesehen davon, daß es mich immer im letz-
ten Augenblicke vor jeder Abreise beynahe reut fortzugehen (weil jeder Ab-
schnitt im leben, der an die enteilende Zeit mahnt, mir eine unangenehme
empfindung verursacht), habe ich dießmal noch die weitere ursache, daß
meine hiesige existenz zwar sehr eintönig, aber nicht unangenehm war, daß
ich mich namentlich an kathi g[üttersberger] mehr als ich dachte attachirt
habe. diese ist nun nach triest engagirt und geht dieser tage ab, was mir
sehr lieb ist.
so wird man in der Welt fortgestoßen, halb willkürlich, halb unbewußt
oder genöthiget, und wird unversehens alt und grau.
Berlin 17. Jänner Abends
unter diesen philosophischen Betrachtungen und eigentlich in einer Art
von katzenjammer fuhr ich am 14. Abends 7 uhr von Wien ab, schlief fest
wie ein sack bis kollin, war um 10 uhr in Prag und gegen 6 uhr Abends in
dresden. mit Ausnahme einer kleinen strecke hinter Prag war ich beständig
allein und sah überhaupt keine bekannte seele auf der fahrt, in dresden, ja
bis heute morgen. übrigens war und ist das Wetter wie im sommer, ein war-
mer scirocco, keine spur von schnee auf der ganzen strecke, dagegen regen
und grundloser koth.
in dresden ging ich des Abends, um die Zeit todtzuschlagen (denn besu-
chen wollte ich niemanden) auf eine stunde ins theater, wo man gli ultimi
giorni di Pompeji mißhandelte.1 tages darauf, gestern, wo ich erst um 1/4 4
weiter konnte, galt es, den vormittag auf die mindest unangenehme Weise
umzubringen, was nicht so leicht war, denn es regnete und war so schwarz
wie im november in london. dennoch gelang es, d.h. der vormittag verging
tant bien que mal, ich sah mir zum 100. mahle die Bildergallerie an, ging
dann trotz des regens auf der Brühlschen terrasse spatzieren etc. o wel-
che lust gewährt das reisen! sagt Johann von Paris.2 dazu die unbequem-
1 Wohl die oper l’ultimo giorno di Pompei von giovanni Pacini.
2 tatsächlich singt dies die Prinzessin von navarra in der oper Johann von Paris (musik
françois Adrien Boieldieu, deutsche fassung des librettos von karl Alexander herklots).
„Österreich wird meine Stimme erkennen lernen wie die Stimme Gottes in der Wüste“
Tagebücher 1839–1858, Volume II
- Title
- „Österreich wird meine Stimme erkennen lernen wie die Stimme Gottes in der Wüste“
- Subtitle
- Tagebücher 1839–1858
- Volume
- II
- Author
- Viktor Franz Freiherr von Andrian-Werburg
- Editor
- Franz Adlgasser
- Publisher
- Böhlau Verlag
- Location
- Wien
- Date
- 2011
- Language
- German
- License
- CC BY-NC-ND 4.0
- ISBN
- 978-3-205-78612-2
- Size
- 17.0 x 24.0 cm
- Pages
- 716
- Keywords
- Viktor Andrian-Werburg (1813 - 1858), Revolution 1848, Austrian Neoabsolutism, Austria future (1842), Late Vormärz, Reform and Repression
- Category
- Biographien