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Februar 1852
zum unterschiede von der alten fürstinn grassalkovics, die ich nach ihm
aufsuchte, und die entschieden thiers und changarnier ist. um 7 aß ich bey
hübner, ein großes langweiliges diner, wo ich Antonini, saintAulaire etc.
fand und lange mit ihnen sprach, dann eine unzahl rothschilds, ich saß zwi-
schen richard metternich und dem comte roger, welcher mich durch die
komische, echt französische Beschreibung seiner 14tägigen gefangenschaft
in ham im december amusirte.
gestern besuchte ich einige Bekannte, u.a. spencer cowper, bey welchem
ich auch mr. cadogan fand, der, seit wir uns in england gesehen, die tochter
lord Anglesey’s geheirathet hat. ich aß schon um 5 bey villers, allein mit
ihm und seinem Attaché herrn keil aus leipzig, dann waren wir 2 miteinan-
der im vaudeville, wo la dame aux camélias, der größte succès dieser sai-
son, gegeben wurde. es ist die geschichte einer Pariser femme entretenue
(marie duplessis), von mad. doche ganz meisterhaft gegeben, ein stück von
ergreifender trauriger Wirkung. nachher fuhren wir auf einen Ball beym fi-
nanzminister mr. Bineau, zu welchem villers mir eine einladung verschafft
hatte, es waren sehr viele leute, eine ziemlich gemischte gesellschaft, was
man auch den toiletten der damen ansah, und auffallend wenig hübsche
gesichter. mehrere civiluniformen, namentlich minister. louis napoleon
wäre würdig, bey uns minister zu werden, so sehr beschäftigt er sich mit der
uniformirung aller menschenkinder bis zum Adjoint de maire hinab.
es gibt im ganzen wenig fremde hier, darunter die mehrzahl vornehme
russen: Woronzow, menzikoff, schakowskoi etc., der Pariser commerce je-
der Art leidet daher, dagegen soll in den Provinzen die industrie in folge vie-
ler bey der londoner exhibition erhaltener Bestellungen besser daran seyn.
Politische Aufregung existirt nicht. Alles wartet ab, was die regierung thun
wird, la blouse contre l’habit, das ist Persigny’s ausgesprochener grundsatz,
ich sah ihn gestern bey Bineau, und er machte mir einen ziemlich unbedeu-
tenden eindruck, es ist eine handvoll Aventuriers, den Präsidenten mitge-
rechnet, die jetzt frankreich regiert, sie wollen die Bourgeoisie todtschlagen,
das wäre nicht so übel, doch sehe ich kein system, keine consequenz. das
parlamentarische system ist nicht todtgeschlagen, denn der corps législatif
ist eine hinterthür, durch welche es au moment donné wieder hereinbrechen
wird, die rothen sind nicht terrorisirt, denn er begnadigete fast Alle, und
sie hoffen eben von ihm die realisirung ihrer Ansichten. dagegen boudiren
die legitimisten, die er gerne gewinnen möchte, mehr als je, die orleanisten
ohnehin, denn auf sie schlägt er ja soviel er kann, l’armée et les masses, auf
diese will er sich stützen, wir werden sehen, ob es geht. nach meiner Ansicht
hätte er einen Weg: den einer möglichst weit gehenden decentralisation,
doch scheint er dieses nicht einzusehen, vielleicht ist es auch in frankreich
schwerer als anderswo.
„Österreich wird meine Stimme erkennen lernen wie die Stimme Gottes in der Wüste“
Tagebücher 1839–1858, Volume II
- Title
- „Österreich wird meine Stimme erkennen lernen wie die Stimme Gottes in der Wüste“
- Subtitle
- Tagebücher 1839–1858
- Volume
- II
- Author
- Viktor Franz Freiherr von Andrian-Werburg
- Editor
- Franz Adlgasser
- Publisher
- Böhlau Verlag
- Location
- Wien
- Date
- 2011
- Language
- German
- License
- CC BY-NC-ND 4.0
- ISBN
- 978-3-205-78612-2
- Size
- 17.0 x 24.0 cm
- Pages
- 716
- Keywords
- Viktor Andrian-Werburg (1813 - 1858), Revolution 1848, Austrian Neoabsolutism, Austria future (1842), Late Vormärz, Reform and Repression
- Category
- Biographien