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Februar 1852
winnt, sondern verliert, daß er von den mittleren und höheren klassen fast
niemanden für sich hat, sondern diese ihn nur aus furcht vor dem kopfab-
schneiden durch die rothen toleriren, daß er auf diese Art entweder zum
socialismus oder zum kriege fortgetrieben werden wird, und dann kommt
die catastrophe.
Brüssel 25. februar Abends
gestern war mardi gras, den ganzen tag ein gewühl von menschen auf
den Boulevards (es war zugleich der Jahrestag des 24. februar 18481), je-
doch nur wenig masken und keine spur von lärmen oder frohsinn, son-
dern ein ganz ruhiges langweiliges spatzierengehen. Jene, welche Paris in
früheren Zeiten an diesen tagen gesehen hatten, fanden den unterschied
unbeschreiblich. ebenso war die Promenade des Bœuf gras, welche ich auf
der Place vendôme begegnete und von da aus ansah. Alles so kalt, nüchtern,
mit abgeblaßtem theaterflitter, es macht einen traurigen eindruck, wenn
man etwas, was eine tolle lustbarkeit bedeuten soll, so ledern herunterge-
leyert sieht. dagegen sah ich während des Zusehens, wie ein mann neben
mir einem sergeant de ville denunciirt und von diesem arretirt wurde, weil
er gesagt haben sollte, der eigentliche Bœuf gras wäre der Präsident. in den
champs elysées traf ich Palochay, der sich schon halb zum trottel gehurt
hat, und ging mit ihm spatzieren.
Wie einem das bey so kurzem Aufenthalte in Paris gewöhnlich geschieht,
kam ich gerade in den letzten tagen immer mehr in das getreibe des dor-
tigen lebens hinein. Briefe, rendezvous, einladungen etc. häuften sich, so
daß man bey der Abreise immer an den dragonerwachtmeister erinnert
wird, welcher Jahre lang an einem orte stationirt war und beym Abmarsche
nur noch einen tag gebraucht hätte, um glücklich zu werden. Auch zu ma-
dame Bury, die das mittelmäßige Buch über Wien und oesterreich (1850)
geschrieben,2 und deren mann ich neulich begegnete, wollte ich gestern
Abends gehen, kam aber nicht dazu.
da ich heute um 8 uhr früh fortwollte, so hatte ich mir vorgenommen de
passer une nuit blanche. der Bal de l’opéra war so wie die früheren, und ich
hatte dieses vergnügen nach und nach satt, ich hatte übrigens eine kleine
Aventure mit einer allerliebsten kleinen Pierrette, welche überhaupt der
herzigste genre der Pariserinnen sind, sprach mit einer unzahl bekannter
und unbekannter, amusanter und langweiliger masken, ennuyirte mich aber
1 der tag der Abdankung und flucht von könig louis Philippe und damit des siegs der
revolution.
2 rose Baronne Blaze de Bury, voyage en Autriche, en hongrie et en Allemagne pendant les
événements de 1848 et 1849 (Paris 1851).
„Österreich wird meine Stimme erkennen lernen wie die Stimme Gottes in der Wüste“
Tagebücher 1839–1858, Volume II
- Title
- „Österreich wird meine Stimme erkennen lernen wie die Stimme Gottes in der Wüste“
- Subtitle
- Tagebücher 1839–1858
- Volume
- II
- Author
- Viktor Franz Freiherr von Andrian-Werburg
- Editor
- Franz Adlgasser
- Publisher
- Böhlau Verlag
- Location
- Wien
- Date
- 2011
- Language
- German
- License
- CC BY-NC-ND 4.0
- ISBN
- 978-3-205-78612-2
- Size
- 17.0 x 24.0 cm
- Pages
- 716
- Keywords
- Viktor Andrian-Werburg (1813 - 1858), Revolution 1848, Austrian Neoabsolutism, Austria future (1842), Late Vormärz, Reform and Repression
- Category
- Biographien