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März 1852
leistung versprochen und verlangt dagegen handelsvortheile. Wie sich die
englische Politik nach dem ministerwechsel stellen werde, müssen wir erst
abwarten, ich glaube nicht viel anders.
Aus Paris habe ich im ganzen den eindruck mitgenommen, daß sich die
dinge wohl einige Zeit (z.B. 1 Jahr praeter propter) lang halten können,
wenn keine außerordentlichen ereignisse dazwischentreten, weil niemand
lust zu revolutionen hat, daß aber die ganze Pastete auf die dauer nicht
haltbar ist, daß louis napoleon immer mehr terrain verlieren wird und sich
die Blouse, die ihm allein (und auch sie lange nicht ohne Ausnahme) an-
hängt, durch die unmöglichkeit, sie zu befriedigen oder mit ihr zu regieren,
entfremden wird, ganz abgesehen von der Abenteuerlichkeit seines eigenen
kopfes und seiner ideen, welche nicht zu berechnen sind, und daher auf ihn
kein verlaß ist. die rheingrenze und italien stecken einmahl in seinem af-
ternapoleonischen schädel (seine Augen sind größer als sein magen), und
über kurz oder lang wird er den versuch machen. ein vorspiel erleben eben
wir jetzt. es waren von Wien aus mit dem elysée unterhandlungen einge-
leitet worden, um den einfluß auf die italienischen staaten de commun ac-
cord festzusetzen (voilà ce que je tiens d’excellente source, obwohl mir eine
solche negociation gar zu ungeschickt scheint), indessen aber gab louis na-
poleon den italienischen flüchtlingen und enthusiasten hoffnungen und
gute Worte, so daß wir die verhandlungen abbrachen, und unsere entente
cordiale einen ziemlichen stoß erlitten hat. die Patrie, das organ des elysée,
brachte vor 3–4 tagen einen sehr auffallenden Artikel über einige Äußerun-
gen eines mailänder Blattes gegen den Präsidenten, worin sie für sardinien
auffallend liebenswürdig, gegen uns impertinent war. enfin, c’est un aventu-
rier dont on ne peut pas se fier.
la Bouverie bey namur 2. märz
Am 29. verließ ich Brüssel, war nach 3 uhr in namur, wo ich einen theil
meiner Bagage im Wirthshause ließ, und dann hieher, kaum eine stunde
entfernt, fuhr. es war ein wahrer Apriltag, sonnenschein, dann regen, ja
sogar schneegestöber, welches sich jeden Augenblick wiederholte. es scheint
hier bedeutend kälter zu seyn als um Brüssel. heute früh ist hier ziemlich
viel schnee gefallen.
hier fand ich nebst Augusta [horrocks] und den ihrigen noch clara, und
Alicia Wilkinson mit ihrem allerliebsten halbwilden töchterchen. ich könnte
in meiner eigenen familie nicht herzlicher aufgenommen seyn als hier, es
sind vortreffliche leute und wohl die besten freunde, die ich besitze. ich be-
finde mich daher recht wohl unter ihnen. Augusta lebt sehr zufrieden schon
seit 2 Jahren hier mit ihrem manne, einem vortrefflichen menschen, den
sie von herzen liebt (ohne deßhalb, wie ich glaube und sehe, ihre frühere
„Österreich wird meine Stimme erkennen lernen wie die Stimme Gottes in der Wüste“
Tagebücher 1839–1858, Volume II
- Title
- „Österreich wird meine Stimme erkennen lernen wie die Stimme Gottes in der Wüste“
- Subtitle
- Tagebücher 1839–1858
- Volume
- II
- Author
- Viktor Franz Freiherr von Andrian-Werburg
- Editor
- Franz Adlgasser
- Publisher
- Böhlau Verlag
- Location
- Wien
- Date
- 2011
- Language
- German
- License
- CC BY-NC-ND 4.0
- ISBN
- 978-3-205-78612-2
- Size
- 17.0 x 24.0 cm
- Pages
- 716
- Keywords
- Viktor Andrian-Werburg (1813 - 1858), Revolution 1848, Austrian Neoabsolutism, Austria future (1842), Late Vormärz, Reform and Repression
- Category
- Biographien