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Mai 1852
volke zu gefallen und wurde ziemlich lebhaft begrüßt. Am 11. nachmittags
war eine äußerst brillante Praterfahrt und Abends, unmittelbar vor seiner
Abreise, großer Zapfenstreich. Bey der Zurückgezogenheit des kaisers war
ein einzigesmahl diner bey hofe, und da waren von den ministern Buol und
Bach geladen, ohne daß er jedoch mit Bach sprach. tags darauf ging dieser
zu ihm und soll wie ein espenlaub gezittert haben, doch soll ihn kaiser nico-
laus recht freundlich empfangen haben, ich bin neugierig, was die ungarn,
welche auf alle schritte des czars so großes gewicht legen, hierzu sagen.
kübeck und carl lichtenstein haben den Andreas orden erhalten. kaiser
nicolaus trug die ersten tage fortwährend die ungarische generalsuniform.
nesselrode war mit ihm hier, und es scheint, daß man über das louis na-
poléon gegenüber zu beobachtende verfahren deliberirt hat. übrigens ist
die revue vom 10. in Paris ganz ruhig und ohne die erwartete kaiserprocla-
mirung abgelaufen.1 ich kann noch immer nicht finden, daß der Präsident
an terrain gewinnt, eher das gegentheil, die freywilligen démissionen meh-
ren sich, und das will in frankreich viel sagen, er scheint wegen des kaiser-
titels mit den großmächten zu unterhandeln und große concessionen, z.B.
die räumung rom’s, anzubiethen, ob das der richtige Weg ist? inzwischen
rüstet england immer fort und wird am ende nicht umsonst gerüstet haben
wollen.
ich war am 9. zum ersten mahle seit 1848 wieder bey einem kirchen-
gange bey hofe, der so glänzend war, wie ich mich kaum eines ähnlichen
erinnere, alles in folge eines ziemlich groben circulars, welches lanckoron-
ski am ende der charwoche an die kämmerer wegen ihrer nachlässigkeit
hatte ergehen lassen. Am nämlichen tage fuhr ich nach Baden, welches aber
noch sehr winterlich und leer aussah, und besuchte resi Pallavicini und ihre
schwester mocenigo.
neulich war ich eine stunde lang bey erzherzog Johann, er erzählte mir,
daß er seine mémoiren schreibe, und schien mir über seine gezwungene Zu-
rückgezogenheit ziemlich piquirt, daher nichts weniger als gut über die jet-
zigen menschen und dinge zu sprechen, er sprach übrigens (wie er immer
thut) gerade so wie er wußte, daß ich es gerne höre.
egbert Belcredi war ein paar tage hier, und fritz deym ist es noch, ich
sehe ihn zuweilen, aber es fehlt das gemeinsame interesse, welches uns
sonst zusammenführte, für den Augenblick bekümmere ich mich nicht
um Politik und will mich nicht darum bekümmern, zu thun ist nichts, gar
nichts, und ebensowenig vorzubereiten auf künftige ereignisse, die in der
Art und Weise, wie sie erscheinen werden, gar nicht zu berechnen sind.
1 Am 10.5.1852 wurden auf dem Pariser marsfeld die neuen fahnen mit dem (kaiserlichen)
Adler an die obersten sämtlicher regimenter der französischen Armee übergeben.
„Österreich wird meine Stimme erkennen lernen wie die Stimme Gottes in der Wüste“
Tagebücher 1839–1858, Volume II
- Title
- „Österreich wird meine Stimme erkennen lernen wie die Stimme Gottes in der Wüste“
- Subtitle
- Tagebücher 1839–1858
- Volume
- II
- Author
- Viktor Franz Freiherr von Andrian-Werburg
- Editor
- Franz Adlgasser
- Publisher
- Böhlau Verlag
- Location
- Wien
- Date
- 2011
- Language
- German
- License
- CC BY-NC-ND 4.0
- ISBN
- 978-3-205-78612-2
- Size
- 17.0 x 24.0 cm
- Pages
- 716
- Keywords
- Viktor Andrian-Werburg (1813 - 1858), Revolution 1848, Austrian Neoabsolutism, Austria future (1842), Late Vormärz, Reform and Repression
- Category
- Biographien