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Mai 1852
und freue mich des endlich erschienenen frühlings, nachdem ich (was ohne
Beyspiel ist) bis 10. oder 12. eingeheizt habe. Zugleich aber drängt es mich
von hier fort, ohne daß ich mich entschließen kann, wohin? das herumfah-
ren in europa habe ich satt und denke, wenn bis dahin nichts geschieht, den
Winter im orient, egypten etc. zuzubringen, aber bis dahin sind 5–6 mo-
nate, die ich nicht zu verwenden weiß, wie lange wird dieser unerträgliche
gezwungene müßiggang noch dauern? ich fühle eine unbeschreibliche leer-
heit in meinem leben, und selbst die einzige hoffnung, welche mich noch
aufrecht erhält, die, daß es anders werden werde, verläßt mich zuweilen.
ich werde vor der hand wahrscheinlich, und zwar in wenig tagen, nach
Pesth gehen, um gabrielle zu besuchen, welche mir übrigens seit ihrer Ab-
reise noch nicht geschrieben hat, ich weiß nicht warum, vielleicht mache ich
von dort aus einen Abstecher nach unterungarn. später dürfte ich in irgend
ein seebad gehen, welches die meinung des dr. sigmund ist, der mich jetzt
behandelt, obwohl ich mich, die langweile solcher Bäder kennend, schwer
dazu entschließe. ich brauche Zerstreuung und Aufheiterung, die man wohl
in Badeorten, nicht aber in seebädern findet. einstweilen habe ich mich au-
ßer dr. sigmund noch in die hände eines Zahnarztes begeben, welcher an
mir herumarbeitet, plombirt etc.
der kaiser kömmt am 5. nach Pesth, wo er am 10. die fronleichnamspro-
zession mitmachen und dann eine Bereisung des landes vornehmen wird.
An alle kämmerer und geheimenräthe im lande sind circularien ergangen,
die sie nach Pesth citiren, also Befehl, so glaubt man dem Auslande sand in
die Augen streuen zu können. damit hat man denn zwischen Adel und Adel
eine fatale demarcation gezogen, und wohl auch zwischen Protestanten und
katholischen. im ganzen glaube ich, daß trotz alledem nicht viele erschei-
nen werden, die entfernung, die unkosten (zu eben der Zeit ist der Pesther
markt, also ohnehin Alles überfüllt) etc. sind entschuldigungen genug. eine
weitere, versöhnende Wirkung wird die kaiserliche reise schwerlich haben.
man ist hier entschiedener als je (höre ich) nicht nachzugeben, und bedauert
sogar, geringer, der noch immer nicht ersetzt ist, abberufen zu haben. Ap-
ponyis denkschrift soll hier sehr geringen eindruck gemacht haben und soll
wirklich ein sehr mittelmäßiges machwerk, nicht kalt und nicht warm, ad
captandam benevolentiam berechnet seyn, und am ende bloß darauf hinaus-
gehen, lauter eingeborene Beamte zu begehren.1 Anderseits soll erzherzog
Albrecht täglich an terrain (in jeder Beziehung) unter den ungarn verlieren.
Bach hat, wie ich höre, sogar einen russischen orden bekommen. da wird es
mit dem affectirten enthusiasmus der ungarn für den czar bald aus seyn.
1 dieses gutachten graf georg Apponyis zur neuorganisation ungarns wurde von erzher-
zog Albrecht verworfen.
„Österreich wird meine Stimme erkennen lernen wie die Stimme Gottes in der Wüste“
Tagebücher 1839–1858, Volume II
- Title
- „Österreich wird meine Stimme erkennen lernen wie die Stimme Gottes in der Wüste“
- Subtitle
- Tagebücher 1839–1858
- Volume
- II
- Author
- Viktor Franz Freiherr von Andrian-Werburg
- Editor
- Franz Adlgasser
- Publisher
- Böhlau Verlag
- Location
- Wien
- Date
- 2011
- Language
- German
- License
- CC BY-NC-ND 4.0
- ISBN
- 978-3-205-78612-2
- Size
- 17.0 x 24.0 cm
- Pages
- 716
- Keywords
- Viktor Andrian-Werburg (1813 - 1858), Revolution 1848, Austrian Neoabsolutism, Austria future (1842), Late Vormärz, Reform and Repression
- Category
- Biographien