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„Österreich wird meine Stimme erkennen lernen wie die Stimme Gottes in der Wüste“ - Tagebücher 1839–1858, Band II
Seite - 557 -
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55722. Mai 1852 und freue mich des endlich erschienenen frühlings, nachdem ich (was ohne Beyspiel ist) bis 10. oder 12. eingeheizt habe. Zugleich aber drängt es mich von hier fort, ohne daß ich mich entschließen kann, wohin? das herumfah- ren in europa habe ich satt und denke, wenn bis dahin nichts geschieht, den Winter im orient, egypten etc. zuzubringen, aber bis dahin sind 5–6 mo- nate, die ich nicht zu verwenden weiß, wie lange wird dieser unerträgliche gezwungene müßiggang noch dauern? ich fühle eine unbeschreibliche leer- heit in meinem leben, und selbst die einzige hoffnung, welche mich noch aufrecht erhält, die, daß es anders werden werde, verläßt mich zuweilen. ich werde vor der hand wahrscheinlich, und zwar in wenig tagen, nach Pesth gehen, um gabrielle zu besuchen, welche mir übrigens seit ihrer Ab- reise noch nicht geschrieben hat, ich weiß nicht warum, vielleicht mache ich von dort aus einen Abstecher nach unterungarn. später dürfte ich in irgend ein seebad gehen, welches die meinung des dr. sigmund ist, der mich jetzt behandelt, obwohl ich mich, die langweile solcher Bäder kennend, schwer dazu entschließe. ich brauche Zerstreuung und Aufheiterung, die man wohl in Badeorten, nicht aber in seebädern findet. einstweilen habe ich mich au- ßer dr. sigmund noch in die hände eines Zahnarztes begeben, welcher an mir herumarbeitet, plombirt etc. der kaiser kömmt am 5. nach Pesth, wo er am 10. die fronleichnamspro- zession mitmachen und dann eine Bereisung des landes vornehmen wird. An alle kämmerer und geheimenräthe im lande sind circularien ergangen, die sie nach Pesth citiren, also Befehl, so glaubt man dem Auslande sand in die Augen streuen zu können. damit hat man denn zwischen Adel und Adel eine fatale demarcation gezogen, und wohl auch zwischen Protestanten und katholischen. im ganzen glaube ich, daß trotz alledem nicht viele erschei- nen werden, die entfernung, die unkosten (zu eben der Zeit ist der Pesther markt, also ohnehin Alles überfüllt) etc. sind entschuldigungen genug. eine weitere, versöhnende Wirkung wird die kaiserliche reise schwerlich haben. man ist hier entschiedener als je (höre ich) nicht nachzugeben, und bedauert sogar, geringer, der noch immer nicht ersetzt ist, abberufen zu haben. Ap- ponyis denkschrift soll hier sehr geringen eindruck gemacht haben und soll wirklich ein sehr mittelmäßiges machwerk, nicht kalt und nicht warm, ad captandam benevolentiam berechnet seyn, und am ende bloß darauf hinaus- gehen, lauter eingeborene Beamte zu begehren.1 Anderseits soll erzherzog Albrecht täglich an terrain (in jeder Beziehung) unter den ungarn verlieren. Bach hat, wie ich höre, sogar einen russischen orden bekommen. da wird es mit dem affectirten enthusiasmus der ungarn für den czar bald aus seyn. 1 dieses gutachten graf georg Apponyis zur neuorganisation ungarns wurde von erzher- zog Albrecht verworfen.
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„Österreich wird meine Stimme erkennen lernen wie die Stimme Gottes in der Wüste“ Tagebücher 1839–1858, Band II
Entnommen aus der FWF-E-Book-Library
Titel
„Österreich wird meine Stimme erkennen lernen wie die Stimme Gottes in der Wüste“
Untertitel
Tagebücher 1839–1858
Band
II
Autor
Viktor Franz Freiherr von Andrian-Werburg
Herausgeber
Franz Adlgasser
Verlag
Böhlau Verlag
Ort
Wien
Datum
2011
Sprache
deutsch
Lizenz
CC BY-NC-ND 4.0
ISBN
978-3-205-78612-2
Abmessungen
17.0 x 24.0 cm
Seiten
716
Schlagwörter
Viktor Andrian-Werburg (1813 - 1858), Revolution 1848, Austrian Neoabsolutism, Austria future (1842), Late Vormärz, Reform and Repression
Kategorie
Biographien

Inhaltsverzeichnis

  1. Tagebücher 1848–1853 7
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