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mitäten desselben um ihre existenz. man hat dabey wieder wie gewöhnlich
Weizen und spreu durcheinandergeworfen und einen entsetzlichen lärmen
erregt, und das Alles nach 4 Jahren, damit die revolution ja nicht vergessen
und beseitigt werde. geschickt sind die leute nicht, das ist gewiß. Am mise-
rabelsten soll sich bey der ganzen sache Baumgartner benommen haben. ich
fuhr an einem der ersten Abende zu Becher nach hütteldorf hinaus, um ihm
meine theilnahme auszudrücken.
Brentano reist in der Welt herum, um Anlehen zusammenzubetteln. nach
dem frankfurter hat er nun in london circa 2 mill. Pfund erhandelt, doch
übt das Alles noch keinen empfindlichen einfluß auf die valuta. viele glau-
ben, daß wenigstens ein theil dieser Anlehen bestimmt seyn soll, nicht die
valuta zu heben, sondern einen kriegsschatz zu bilden für den immer näher
heranrückenden fall eines krieges. louis napoléon hat an felix schwar-
zenberg seinen einzigen freund und fellow-adventurer (der ihm zwar auch
nicht viel geholfen hätte) verloren, und trotz aller Bitten, versprechungen
und missionen dessinirt sich die opposition von ganz europa gegen seine
kaisergelüste immer schärfer. rußland führt auch hier die reihen an und
bemüht sich, die Allianz der 3 nordischen mächte wiederherzustellen. Was
wird die folge davon seyn? die Armée und die elyséeparthey in frankreich,
welche den Präsidenten umgibt, werden um so mehr zum kriege drängen,
nachdem letztere in güte nichts erreichen kann.
Pesth 13. Juny Abends
meine kolik und, wie mein Arzt sie nannte, magenkatarrh wollten in Wien,
obwohl es wieder schöner und warm wurde, nicht recht besser werden, so daß
mir luftveränderung angerathen wurde, die sich auch vollkommen bewährte.
man war in den letzten tagen in Wien mit nichts beschäftiget, las und
hörte von nichts, als von dem empfange des kaisers und den festlichkeiten
in Pesth, welche glänzend, ja enthusiastisch ausgefallen seyn sollten. die
Blätter hyperbolisirten in unglaublicher Weise, viele von Wien nach Pesth
hinabgefahrene, um den ersten empfang des kaisers am 5. zu sehen (und
es waren deren tausende und tausende, so daß gasthöfe und Privatwoh-
nungen überfüllt waren), kamen zurück und erzählten, daß der empfang
wirklich ein lärmender gewesen sey, kurz der eindruck in Wien, als ich es
verließ, war der, als habe der kaiser, sey es nun durch seine Persönlichkeit
oder durch eine geschickte comödie von seite der Altconservativen, einen
vollständigen succès gehabt, einen vollkommenen triumph gefeiert, und
der Zweck, welchen man bey dieser ganzen reise eigentlich gehabt hatte,
nämlich: dem Auslande sand in die Augen zu streuen und es über die unzu-
friedenheit des landes zu täuschen, schien wenigstens für den Augenblick
vollkommen erreicht. die sache war interessant genug, um mich zu bestim-
„Österreich wird meine Stimme erkennen lernen wie die Stimme Gottes in der Wüste“
Tagebücher 1839–1858, Volume II
- Title
- „Österreich wird meine Stimme erkennen lernen wie die Stimme Gottes in der Wüste“
- Subtitle
- Tagebücher 1839–1858
- Volume
- II
- Author
- Viktor Franz Freiherr von Andrian-Werburg
- Editor
- Franz Adlgasser
- Publisher
- Böhlau Verlag
- Location
- Wien
- Date
- 2011
- Language
- German
- License
- CC BY-NC-ND 4.0
- ISBN
- 978-3-205-78612-2
- Size
- 17.0 x 24.0 cm
- Pages
- 716
- Keywords
- Viktor Andrian-Werburg (1813 - 1858), Revolution 1848, Austrian Neoabsolutism, Austria future (1842), Late Vormärz, Reform and Repression
- Category
- Biographien