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Juni 1852
den Bauern der übelste geist herrschen, und man in allen Wirthshäusern
nichts als revolutionäre und antidynastische lieder aus der kossuthzeit
hören, freylich ist dem, was die Adeligen sagen (die in jeder, materieller,
politischer und moralischer Beziehung so tief verwundet sind), nicht ganz
zu glauben, dem Bauer geht es materiell entschieden besser als vor 1848, ja
er zahlt sogar weniger, dagegen ist er aber durch gensdarmerie, finanzbe-
amte, tabakinspectoren etc. aufs Blut geplagt, in den an die erblande grän-
zenden comitaten, wo die civilisation, recte gewinnsucht, so weit ist, über
dem erwerb jene Plackereyen zu vergessen, mag er auch zufriedener seyn,
ich zweifle aber, ob dieses an der theiß der fall ist.
Arad 23. Juny Abends
Am 14. blieb ich noch in Pesth, speiste im casino wie gewöhnlich und ließ
mich von Joszi urményi endoctriniren. diese Altconservativen werden mit
jedem tage röther, trotz aller altgewohnten Phrasen. nachmittags fuhr ich
mit gabrielle ins stadtwäldchen spatzieren, wurde aber schon sehr von ei-
nem großen Aß1 auf der linken Wange geplagt, welchem ein zweytes noch
weit größeres und schmerzhafteres hinten am halse, also an einer höchst
unbequemen stelle, folgte, letzteres bin ich noch immer nicht los, und es hat
mir auf der ganzen reise große unbequemlichkeit und Ärger verursacht, da
ich den kopf nicht wenden konnte, und es überdieß ein ekelhaftes Zeug ist.
Am 15. früh 6 uhr fuhr ich per dampfschiff ab, fand wenig Bekannte,
einen Baron Jeszensky und einen jungen grafen forgács, in földvár stieg
salamon auf einige stunden ein, es war ein trüber, kalter, regnerischer tag,
dazu die gegend höchst langweilig, flache, öde ufer, so daß ich fast immer
in der kajüte blieb. Bey Apathin gegen 11 uhr des Abends hielt das schiff
still. die nacht verging ziemlich schlecht, zwischen einer unzahl wilder ser-
bier und serbierinnen, welche letztern sich ohne umstände im hemde in die
Männercajüte legten; sie waren übrigens alle häßlich.
des morgens 3 uhr fuhr man weiter, war nach 5 am drauecke, wo ich
das draudampfboot bestieg, hier wurde die gegend üppiger und besser an-
gebaut, vor 8 war ich in essegg. meine Absicht war gewesen, Peter Pejache-
vich in rétfalu zu besuchen, da ich aber hörte, nicht nur seine frau, sondern
auch tochter und schwiegertochter bey ihm seyen, so hatte ich um so weni-
ger lust hinzugehen, als meine beyden Agrémens gerade in der schönsten
Blüthe waren und mich peinigten, ich brachte daher den tag ziemlich lang-
weilig mit spatzierengehen in der häßlichen festung und den beyden durch
das glacis davon getrennten vorstädten: obere und untere stadt zu, welche
beyde ebenso häßlich sind, und ging schon um 7 zu Bette.
1 Aß, Ast – Abszess.
„Österreich wird meine Stimme erkennen lernen wie die Stimme Gottes in der Wüste“
Tagebücher 1839–1858, Volume II
- Title
- „Österreich wird meine Stimme erkennen lernen wie die Stimme Gottes in der Wüste“
- Subtitle
- Tagebücher 1839–1858
- Volume
- II
- Author
- Viktor Franz Freiherr von Andrian-Werburg
- Editor
- Franz Adlgasser
- Publisher
- Böhlau Verlag
- Location
- Wien
- Date
- 2011
- Language
- German
- License
- CC BY-NC-ND 4.0
- ISBN
- 978-3-205-78612-2
- Size
- 17.0 x 24.0 cm
- Pages
- 716
- Keywords
- Viktor Andrian-Werburg (1813 - 1858), Revolution 1848, Austrian Neoabsolutism, Austria future (1842), Late Vormärz, Reform and Repression
- Category
- Biographien