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„Österreich wird meine Stimme erkennen lernen wie die Stimme Gottes in der Wüste“ - Tagebücher 1839–1858, Band II
Seite - 563 -
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56323. Juni 1852 den Bauern der übelste geist herrschen, und man in allen Wirthshäusern nichts als revolutionäre und antidynastische lieder aus der kossuthzeit hören, freylich ist dem, was die Adeligen sagen (die in jeder, materieller, politischer und moralischer Beziehung so tief verwundet sind), nicht ganz zu glauben, dem Bauer geht es materiell entschieden besser als vor 1848, ja er zahlt sogar weniger, dagegen ist er aber durch gensdarmerie, finanzbe- amte, tabakinspectoren etc. aufs Blut geplagt, in den an die erblande grän- zenden comitaten, wo die civilisation, recte gewinnsucht, so weit ist, über dem erwerb jene Plackereyen zu vergessen, mag er auch zufriedener seyn, ich zweifle aber, ob dieses an der theiß der fall ist. Arad 23. Juny Abends Am 14. blieb ich noch in Pesth, speiste im casino wie gewöhnlich und ließ mich von Joszi urményi endoctriniren. diese Altconservativen werden mit jedem tage röther, trotz aller altgewohnten Phrasen. nachmittags fuhr ich mit gabrielle ins stadtwäldchen spatzieren, wurde aber schon sehr von ei- nem großen Aß1 auf der linken Wange geplagt, welchem ein zweytes noch weit größeres und schmerzhafteres hinten am halse, also an einer höchst unbequemen stelle, folgte, letzteres bin ich noch immer nicht los, und es hat mir auf der ganzen reise große unbequemlichkeit und Ärger verursacht, da ich den kopf nicht wenden konnte, und es überdieß ein ekelhaftes Zeug ist. Am 15. früh 6 uhr fuhr ich per dampfschiff ab, fand wenig Bekannte, einen Baron Jeszensky und einen jungen grafen forgács, in földvár stieg salamon auf einige stunden ein, es war ein trüber, kalter, regnerischer tag, dazu die gegend höchst langweilig, flache, öde ufer, so daß ich fast immer in der kajüte blieb. Bey Apathin gegen 11 uhr des Abends hielt das schiff still. die nacht verging ziemlich schlecht, zwischen einer unzahl wilder ser- bier und serbierinnen, welche letztern sich ohne umstände im hemde in die Männercajüte legten; sie waren übrigens alle häßlich. des morgens 3 uhr fuhr man weiter, war nach 5 am drauecke, wo ich das draudampfboot bestieg, hier wurde die gegend üppiger und besser an- gebaut, vor 8 war ich in essegg. meine Absicht war gewesen, Peter Pejache- vich in rétfalu zu besuchen, da ich aber hörte, nicht nur seine frau, sondern auch tochter und schwiegertochter bey ihm seyen, so hatte ich um so weni- ger lust hinzugehen, als meine beyden Agrémens gerade in der schönsten Blüthe waren und mich peinigten, ich brachte daher den tag ziemlich lang- weilig mit spatzierengehen in der häßlichen festung und den beyden durch das glacis davon getrennten vorstädten: obere und untere stadt zu, welche beyde ebenso häßlich sind, und ging schon um 7 zu Bette. 1 Aß, Ast – Abszess.
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„Österreich wird meine Stimme erkennen lernen wie die Stimme Gottes in der Wüste“ Tagebücher 1839–1858, Band II
Entnommen aus der FWF-E-Book-Library
Titel
„Österreich wird meine Stimme erkennen lernen wie die Stimme Gottes in der Wüste“
Untertitel
Tagebücher 1839–1858
Band
II
Autor
Viktor Franz Freiherr von Andrian-Werburg
Herausgeber
Franz Adlgasser
Verlag
Böhlau Verlag
Ort
Wien
Datum
2011
Sprache
deutsch
Lizenz
CC BY-NC-ND 4.0
ISBN
978-3-205-78612-2
Abmessungen
17.0 x 24.0 cm
Seiten
716
Schlagwörter
Viktor Andrian-Werburg (1813 - 1858), Revolution 1848, Austrian Neoabsolutism, Austria future (1842), Late Vormärz, Reform and Repression
Kategorie
Biographien

Inhaltsverzeichnis

  1. Tagebücher 1848–1853 7
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