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August 1852
bey franconi und dann im château des fleurs, wo sich gabrielle an dem
ungewohnten Anblicke eines Pariser öffentlichen Balles königlich amusirte.
Am 26. sahen wir den louvre und s. germain l’Auxerrois an, waren dann
bey einer vorstellung im hippodrome, aßen im cafè foy und fuhren endlich
um 1/2 8 Abends ab.
mit uns fuhr eine charmante und höchst amusante junge Pariserinn,
femme entretenue zweyten ranges, welche mit ihrem „époux“, einem jü-
dischen (folglich aus frankfurt gebürtigen) ladenschwengel eine vergnü-
gungssreise nach BadenBaden etc. machte. ich amusirte mich mit ihr vortreff-
lich, so weit als es mir die rücksicht für gabrielle, welche nicht so fest schlief
als ich gewollt hätte, es gestattete. sie versprach mir, daß ich sie in BadenBa-
den sehen würde, und noch viel mehr, aber leider habe ich sie seit strasburg
nicht mehr erblickt. Jedenfalls war es ein recht amusantes intermezzo.
gestern früh 8 uhr waren wir in straßburg, sahen uns den münster an,
wuschen uns dann und frühstückten, worauf wir nach kehl hinüberfuhren,
von wo die eisenbahn um 11 abging, um 1 waren wir in Baden. hier fan-
den wir gestern und heute eine menge Bekannte, Blücher, münchhausen,
Prinz Wasa, sophie scharnhorst, ozeroff, herzog max, lichnowsky, gräfinn
kalergis, die dlles marx, die mich mit freudengeschrey empfingen etc., und
noch viele Andere, mit denen ich nicht sprach. Auch meine antediluvianische
tyrolerinn fand ich hier, ziemlich unverändert.
so vergingen uns diese 2 halben tage recht angenehm. heute um 2 nach-
mittags fuhr gabrielle ab, nach Basel, von wo aus sie weiter zur königinn
Adèle nach turin geht, ich aber fuhr um 1/2 6 in der entgegengesetzten rich-
tung ab und bis hierher, um nach hause zu eilen. es kostete mich beynahe
einen kampf, Baden, welches mir so angenehm ist, zu verlassen. Baden und
Paris sind zwey heitere sonnige flecken auf unserer Weltkugel, ganz geeig-
net, um von der hypochondrie zu heilen.
haynau ist wieder einmahl in Brüssel insultirt worden, in Wien ist eine
verordnung erschienen, welche die Presse auch dort, wo Belagerungsstand
ist, der civilbehörde unterwirft1 – – – che cosa vuol dire ció? montecuccoli ist
gestorben.
dresden 31. August
vorgestern früh, an einem sonntage, fuhr ich von heidelberg ab und war
um 10 uhr in frankfurt. dort déjeunirte ich auf der mainlust, machte dann
1 durch diese verordnung v. 18.8.1852 wurde mit 1. september auch in den unter Ausnahms-
zustand stehenden gebieten die kaiserliche verordnung v. 6.7.1851 über die herausgabe
periodischer druckschriften in kraft gesetzt und damit der Jurisdiktion der militärbehör-
den und kriegsgerichte entzogen.
„Österreich wird meine Stimme erkennen lernen wie die Stimme Gottes in der Wüste“
Tagebücher 1839–1858, Volume II
- Title
- „Österreich wird meine Stimme erkennen lernen wie die Stimme Gottes in der Wüste“
- Subtitle
- Tagebücher 1839–1858
- Volume
- II
- Author
- Viktor Franz Freiherr von Andrian-Werburg
- Editor
- Franz Adlgasser
- Publisher
- Böhlau Verlag
- Location
- Wien
- Date
- 2011
- Language
- German
- License
- CC BY-NC-ND 4.0
- ISBN
- 978-3-205-78612-2
- Size
- 17.0 x 24.0 cm
- Pages
- 716
- Keywords
- Viktor Andrian-Werburg (1813 - 1858), Revolution 1848, Austrian Neoabsolutism, Austria future (1842), Late Vormärz, Reform and Repression
- Category
- Biographien