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September 1852
jener Bewegung, welche sich noch durch die Jahre 1849 und 1850 theilweise
erhielten: die geistige Anregung, der durst nach Wissen und Belehrung, der
Associationsdrang, die individuelle thätigkeit, Alles das schläft wieder ein.
Wenn diese gewaltthätige regierungsmaschine einmahl zusammenbricht, so
wird man die Aristocratie geradeso dumm, die Bürger geradeso hasenfüßig,
kurz Alles geradeso jämmerlich und unorganisirt wie im Jahre 1848 finden,
nur die massen werden wilder und der Widerstand von oben energischer
seyn, dagegen aber werden die alten stützen des regierungsgebäudes fehlen.
soll man nun unter solchen verhältnissen und voraussichten schweigen
und die hände in den schooß legen? von der anderen seite aber: kann man
etwas thun, und was? Bey mir könnte die rede natürlich nur von einer pu-
blicistischen thätigkeit seyn, an eine officielle ist gar nicht mehr zu denken.
hat man mich in den letzten Jahren, wo man auf nahmen, capacität und öf-
fentliche meinung doch noch etwas gab, von jeder verwendung ferngehalten,
so ist jetzt, wo bloß das schwert und die physische gewalt regiert, gar keine
rede davon. Aber auch jene (mir doch wenig zusagende) schreibende thätig-
keit ist unter den gegenwärtigen verhältnissen für Jeden sehr beschränkt,
für mich null, denn ich müßte damit anfangen, die legitimität alles Beste-
henden zu läugnen, auf eine transaction könnte ich mich nicht einlassen,
wenn ich nicht den rechtssinn im volke noch mehr untergraben wollte, an-
statt ihn zu stärken und zu beleben, und doch könnte nur das letztere mein
Zweck seyn, denn das ist die hauptsache, die uns noth thut, also ein Protest
mit allen seinen corollarien, und einen solchen einzulegen, wäre jetzt ein
unsinn. etwas ähnliches theilweises dürfte aber doch geschehen, wenn ein-
mahl die definitive organisation auf grundlage der grundzüge vom 1. Jän-
ner dieses Jahres erscheint und darin, wie vorauszusehen, die Aufhebung
der stände ausgesprochen seyn wird. ich habe das schon vor monaten mit
Procop lazanzky besprochen und warte auf den moment.
neulich sprach ich schuselka, der in gainfahrn ein haus hat und seit 2
Jahren dort lebt, er erzählte mir seine verhandlungen mit der Wienerpoli-
zey, von der er so quasi und doch wieder nur quasi ausgewiesen worden ist,
und die die unschuldigen stücke seiner frau nicht aufführen läßt, weil sie
sich vor dem nahmen schuselka auf dem theaterzettel fürchtet, übrigens
arbeitet der unermüdliche mensch an einer Quartalschrift, welche er jetzt,
wo die Preßangelegenheiten dem militär abgenommen und der Polizeybe-
hörde zugewiesen worden sind (eine erleichterung, welche aber, da alle Poli-
zeybehörden unter kempen stehen, ja sogar, wie in italien bereits geschehen
ist, die Polizeydirectionen in den Provinzen unter militärs gestellt werden
sollen, ganz und gar illusorisch ist), herausgeben will, und der ich auch keine
lange dauer prophezeye, übrigens scheint ihn das landleben bedeutend ab-
gekühlt und milder gestimmt zu haben, obwohl er die stimmung der mittle-
„Österreich wird meine Stimme erkennen lernen wie die Stimme Gottes in der Wüste“
Tagebücher 1839–1858, Volume II
- Title
- „Österreich wird meine Stimme erkennen lernen wie die Stimme Gottes in der Wüste“
- Subtitle
- Tagebücher 1839–1858
- Volume
- II
- Author
- Viktor Franz Freiherr von Andrian-Werburg
- Editor
- Franz Adlgasser
- Publisher
- Böhlau Verlag
- Location
- Wien
- Date
- 2011
- Language
- German
- License
- CC BY-NC-ND 4.0
- ISBN
- 978-3-205-78612-2
- Size
- 17.0 x 24.0 cm
- Pages
- 716
- Keywords
- Viktor Andrian-Werburg (1813 - 1858), Revolution 1848, Austrian Neoabsolutism, Austria future (1842), Late Vormärz, Reform and Repression
- Category
- Biographien