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für Bruck, welcher einer der hauptträger, wo nicht der urheber jener baus-
backigen ideen des mitteleuropäischen reiches und dann später des süddeut-
schen handelsbundes war, ist es allerdings eine fatale sache, jetzt selbst in
Berlin diese ideen begraben helfen zu müssen. übrigens wäre es nicht un-
möglich, daß Buol für dieses fiasco am ende das Bad ausgießen müßte, wäh-
rend nicht er, sondern lediglich felix schwarzenberg daran die schuld hat.
die materiellen Zustände im inneren werden immer schlechter und
schlechter. geldmangel, stockung überall, die regierung mischt sich in
Alles, hemmt Alles, hintertreibt Alles, zum theile aus der ewigen Angst
vor revolution, welche sie aus jeder Besprechung, jedem vereine, jeder
Wahl herauswittert, zum theile durch den unglaublichen Zopf und die Be-
schränktheit der Bureaukratie, welche jetzt auf dem culminationspunkte
ihrer macht und zugleich ihrer miserabilität und dummheit ist, unsere
gesetzgebung, unser gewerbewesen etc. sind ganz darauf berechnet, keine
Art von Aufschwung in materiellen dingen aufkommen zu lassen, und dann
wundert man sich, daß der nationalwohlstand so sichtlich zurückgeht, der
Ausfuhrhandel nimmt allenthalben ab, dagegen, namentlich seit dem neuen
tariffe, die einfuhr zu.
inzwischen nimmt Wien wenn auch nicht an Wohlstand, so doch an Be-
völkerung zu, noch nie war die Bewegung auf den straßen etc. so groß. Wien
kömmt mir vor wie ein überfließendes glas, und wenn nicht die kolossalen
Bauten am Arsenale und simmering wären, welche jedem Privaten eine
Bauunternehmung unmöglich machen (die Ziegel allein sind seit 4 Jahren
von 11 auf 24 fl per mille gestiegen), so müßten ganze neue stadttheile ent-
stehen. man kann sich demnach den mangel an Wohungen hier kaum vor-
stellen. ebenso nimmt die theuerung unglaublich zu, und Wien dürfte schon
jetzt die theuerste stadt auf dem continente seyn. Wollte man nur einmahl
zu meinem lieblingsplane der verbauung des glacis kommen. Aber die
Angst vor den anderthalb dutzend Proletariern der vorstädte, welche den
ritterlichen kaiser nicht schlafen läßt, läßt dergleichen nicht aufkommen, im
gegentheile, man baut defensionscasernen, Blockhäuser etc. Alles um den
geliebten monarchen vor seinen getreuen unterthanen zu beschützen. gut
ist gut, aber besser ist besser.
in ermanglung einer politischen thätigkeit wäre mir die bauende, schaf-
fende eines Bürgermeisters von Wien die erwünschteste, wo feld und stoff
für grandiose conceptionen, freylich auch viel Widerstand zu überwinden
wäre. ein grandioses Wien, das wäre die wahre centralisation und einheit,
so aber wird es trotz der zunehmenden Bevölkerung immer kleinstädtischer
und mesquiner, so daß man sich dessen jeden Augenblick schämen muß. es
ist unglaublich, wie unendlich wenig ressourcen diese stadt von 500.000
einwohnern biethet.
„Österreich wird meine Stimme erkennen lernen wie die Stimme Gottes in der Wüste“
Tagebücher 1839–1858, Volume II
- Title
- „Österreich wird meine Stimme erkennen lernen wie die Stimme Gottes in der Wüste“
- Subtitle
- Tagebücher 1839–1858
- Volume
- II
- Author
- Viktor Franz Freiherr von Andrian-Werburg
- Editor
- Franz Adlgasser
- Publisher
- Böhlau Verlag
- Location
- Wien
- Date
- 2011
- Language
- German
- License
- CC BY-NC-ND 4.0
- ISBN
- 978-3-205-78612-2
- Size
- 17.0 x 24.0 cm
- Pages
- 716
- Keywords
- Viktor Andrian-Werburg (1813 - 1858), Revolution 1848, Austrian Neoabsolutism, Austria future (1842), Late Vormärz, Reform and Repression
- Category
- Biographien