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Jänner 1853
verhältnisse sind nicht von der Art, um das Zuströmen ausländischer capi-
talien zu befördern.
gestern ließ ich mich durch Becher in den gewerbeverein führen, wo alle
Wochen sitzungen mit vorträgen statthaben, ich denke manchmal diese zu
besuchen.
der herzog von Parma ist seit einiger Zeit hier, und ich sehe ihn viel im
club, er ist bedeutend vernünftiger geworden. Prokesch ist nach frankfurt
ernannt, also hat die russische intrigue wegen constantinopel gesiegt, und
als unterpfand unserer neuen entente cordiale mit Preußen haben wir nun
anstatt Prokesch und thun – thun und Prokesch!1 das nenne ich eine ver-
nünftige und consequente Politik.
in montenegro scheinen die verwickelungen zu ende zu gehen, die
Pforte ist energisch aufgetreten und wird das lumpengesindel zu Paa-
ren treiben, wenn nicht rußland sich wieder dazwischen legt, überhaupt
scheint es, und befürchte ich sehr, daß rußland diesen moment, wo wir
uns durch unsere nergeleyen mit louis napoléon ganz in seine hände ge-
geben haben, dazu benützen wird, um seine machinationen in der türkey
um ein gutes stück vorwärts, wo nicht ganz und gar zu ende zu bringen.2
Wir haben da wieder einen entsetzlichen Bock geschossen, wir hätten wohl
sympathieen und dunkle Ahnungen zu gunsten der Pforte, wagen es aber
nicht, diesen gefühlen nachdruck zu geben, der kaiser hat den general
kellner en mission nach cattaro geschickt, mit welchen Aufträgen? weiß
ich nicht.
louis napoléon ist endlich anerkannt, wobey aber wieder rußland uns
den rang abgelaufen und seine creditive zuerst überreicht hat, so daß wir
(die wir doch nur auf seine inspiration so lange zögerten) gleichsam wie im
schlepptaue nachfolgten.3 mit england häkeln und zanken wir fortwährend,
1 die beiden diplomaten graf friedrich thun-hohenstein und frh. Anton Prokesch von os-
ten tauschten ihre Positionen als gesandter in Berlin und Präsidialgesandter in frankfurt.
2 Im Konflikt zwischen Montenegro und der ihre Macht in Bosnien konsolidierenden Türkei
besetzten die truppen der Pforte unter omer Pascha große teile des fürstentums. über
intervention von russland und österreich musste die türkei jedoch die invasion stoppen
und in einer konvention vom 14.2.1853 de facto die unabhängigkeit montenegros unter
garantie der beiden großmächte anerkennen.
3 Als erster vertreter der großmächte hatte bereits am 6.12.1852 der britische Botschaf-
ter sein neues Beglaubigungsschreiben überreicht. in Absprache der drei konservativen
mächte reichte zunächst am 3.1.1853 der russische vertreter sein Beglaubigungsschreiben
ein, worin jedoch die unter souveränen gebräuchliche Anrede des „mon frère“ durch ein
„sire et bon ami“ ersetzt war. nachdem napoleon iii. die Annahme zunächst verweigert
und mit einer veröffentlichung der gründe gedroht hatte, akzeptierte er am 5. Jänner
diese Formel und empfing noch am selben Tag den russischen Botschafter. Am 11. Jänner
(die verzögerung erfolgte nach seinen eigenen Aussagen aus strafe „offenbar wegen unse-
„Österreich wird meine Stimme erkennen lernen wie die Stimme Gottes in der Wüste“
Tagebücher 1839–1858, Volume II
- Title
- „Österreich wird meine Stimme erkennen lernen wie die Stimme Gottes in der Wüste“
- Subtitle
- Tagebücher 1839–1858
- Volume
- II
- Author
- Viktor Franz Freiherr von Andrian-Werburg
- Editor
- Franz Adlgasser
- Publisher
- Böhlau Verlag
- Location
- Wien
- Date
- 2011
- Language
- German
- License
- CC BY-NC-ND 4.0
- ISBN
- 978-3-205-78612-2
- Size
- 17.0 x 24.0 cm
- Pages
- 716
- Keywords
- Viktor Andrian-Werburg (1813 - 1858), Revolution 1848, Austrian Neoabsolutism, Austria future (1842), Late Vormärz, Reform and Repression
- Category
- Biographien