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Tagebücher630
von unseren grenzen weg transferirt, 500.000 fl für forderungen von öster-
reichischen unterthanen bezahlt, kleck [sic] und sutorina bleiben in statu
quo.1 von einem Protectorate über Bosnien etc. war entweder nie die rede,
oder ist diese forderung fallen gelassen worden. das ist Alles, eigentlich
sehr wenig im vergleiche zu dem lärmen und den rüstungen, es bleibt also
hauptsächlich der moralische triumph, der allerdings viel werth ist.
Auch mit england scheinen wir auf freundlicheren fuß zu kommen. die
regierung hat zwar von einer Ausweisung der flüchtlinge nichts wissen
wollen, jedoch für die Zukunft eine bessere Aufsicht auf ihre umtriebe ver-
sprochen, und Buol hat sich damit zufrieden erklärt. es bleiben also jetzt
nur mehr unsere comtessen und alten Weiber (darunter viele männer) zu
versöhnen. dagegen scheinen sich england und frankreich immer mehr ein-
ander zu nähern, es wird wieder die alte Allianz der 3 nordischen mächte
daraus, bey der niemand schlechter fährt als wir.
ich habe mir neulich die mühe gegeben, den handelsvertrag mit Preu-
ßen gründlich zu studiren, er ist von einer enormen tragweite, beynahe alle
Zölle mit Ausnahme der rohen Baumwolle und colonialwaaren sind um 50,
100, bis 400 Prozent herabgesetzt, das mag Alles im Prinzip recht schön
seyn, wenn aber dabey unserer industrie nicht in pecuniärer, nationalökono-
mischer, administrativer und politischer hinsicht zu hülfe gekommen wird
(was einer totalen Änderung unserer inneren Politik im kleinen wie im gro-
ßen gleichkommen würde), so geht sie, besonders die kleinere, zu grunde.
unsere ökonomischen Zustände werden ohnehin mit jedem tage schlechter
– panem et circenses, das verstehen die leute nicht, und das sollte man
doch, wenn man absolut regieren will, vor Allem Andern verstehen.
Baumgartner, der elend krank ist, soll seine demission gegeben haben,
man spricht von Bruck, doch glaube ich nicht, daß er annehmen wird. die
ursachen seines Austrittes: seine stellung zu Bach, die Bevormundung von
seiten des (übrigens immer jämmerlicher werdenden) reichsrathes etc. be-
stehen jetzt in einem erhöhten maaße gegen damals.2
man kann jetzt keinen tag die Zeitung in die hand nehmen, ohne von
verurtheilungen und hinrichtungen zu lesen, in ungarn und italien, in
Pesth sind vor ein paar tagen wieder 4 politische verurtheilte, in mantua 3
gehängt worden, ungerechnet die fortwährenden hinrichtungen auf stand-
rechtlichem Wege wegen straßenraub etc. in jenen beyden ländern. das
1 Bei klek wird das gebiet der ehemaligen republik ragusa/dubrovnik durch einen kurzen
türkischen (herzegowinischen) küstenstreifen vom nördlichen dalmatien getrennt. die
ebenfalls türkische (herzegowinische) sutorina trennt den südlichsten österreichischen
küstenabschnitt der Bocche di cattaro/Boka kotorska vom restlichen dalmatien.
2 frh. karl ludwig von Bruck war am 23.5.1851 als handelsminister zurückgetreten.
„Österreich wird meine Stimme erkennen lernen wie die Stimme Gottes in der Wüste“
Tagebücher 1839–1858, Volume II
- Title
- „Österreich wird meine Stimme erkennen lernen wie die Stimme Gottes in der Wüste“
- Subtitle
- Tagebücher 1839–1858
- Volume
- II
- Author
- Viktor Franz Freiherr von Andrian-Werburg
- Editor
- Franz Adlgasser
- Publisher
- Böhlau Verlag
- Location
- Wien
- Date
- 2011
- Language
- German
- License
- CC BY-NC-ND 4.0
- ISBN
- 978-3-205-78612-2
- Size
- 17.0 x 24.0 cm
- Pages
- 716
- Keywords
- Viktor Andrian-Werburg (1813 - 1858), Revolution 1848, Austrian Neoabsolutism, Austria future (1842), Late Vormärz, Reform and Repression
- Category
- Biographien