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April 1853
rutscht war, erst um 7 ankam, und brachte den Abend bey fidel Palfy zu.
tags darauf um 10 uhr fuhr ich weiter. emil desseöffy war mit mir. Zwi-
schen 5 und 6 uhr waren wir in Pesth, wo ich in der europa abstieg.
in Pesth blieb ich nun vom 11. bis zum 17. bey fast fortwährend schlech-
tem Wetter, regen und theilweise schnee, so daß die Berge um ofen ganz
weiß waren. dabey war es grimmig kalt und windig, kurz ein sehr un-
freundliches Wetter, nur am letzten tage heiterte es sich einigermaßen auf.
ich verbrachte meine Zeit größtentheils bey gabrielle und im casino, er-
stere führt in ihrer einsamkeit in der todten und entfernten festung ofen
allerdings ein langweiliges leben, würde sie anstatt dort oben in Pesth woh-
nen, so wäre es bedeutend erträglicher, aber auch dann eben nur erträglich,
denn erstlich ist Pesth doch immer nur eine kleine, und zwar exclusiv unga-
rische Provinzstadt, in der nebstdem die aristokratische farbe immer mehr
ab- und der handelsstand zunimmt, und dann ist ihr in ihrer stellung selbst
von dieser aristocratischen Welt nur ein theil, nämlich der sogenannt gut-
gesinnte zugänglich, welcher hier wie überall weder der brillantere noch der
interessantere ist. die Anderen erscheinen bey hofe bey großen gelegenhei-
ten, sind höflich, aber dabey bleibt es. Ich machte ein paar Soiréen dieser
Art mit, die eine bey forray, die andere bey cziráky, und hatte gelegenheit,
mich davon zu überzeugen. Alles ist gedrückt, eingeschüchtert, tief verletzt,
man spricht nicht mehr viel von dem, woran, wie man deutlich sieht, Alle
fortwährend denken, aber man wartet auf bessere Zeiten. Alle früheren mei-
nungsunterschiede sind verwischt und haben sich in haß gegen das Beste-
hende und gegen dessen urheber aufgelöst, was die ungarn am tiefsten ver-
letzt hat, ist die theilung des landes in 5 statthaltereybezirke, welche mit
1. may ins leben treten soll, um drey Jahre zu spät. dabey ist die gesammte
Administration, sowie die gerichtsverfassung, in der größten unordnung,
durch die unzahl der eine auf die andere folgenden, sich widersprechenden
verordnungen, organisationen und reorganisationen, alle kerker sind voll
von politischen gefangenen, deren Zahl sich mit jedem tage mehrt, und
die standgerichtlichen executionen wider die räuber und (oft gezwunge-
nen) unterschleifgeber, wider die übertreter von oft beynahe unmöglichen
standgerichtlichen verordnungen, z.B. sättel- und reitverbothe etc., sind
manchmal von einer entsetzlichen härte. um von einem comitate in das
andere zu gelangen, daher noch weit mehr um nach Wien oder gar ins Aus-
land zu gehen, braucht man Pässe, Plackereyen und monatlanges Warten,
ungerechnet die grobheiten mancher militärischer Autoritäten etc.
dabey geht es den leuten materiell schlecht, die gutsbesitzer sind trotz al-
ler glänzenden Aussichten einzelner in die Zukunft für den Augenblick in einer
übergangsperiode und ohne geld, die wenige industrie und der Bürgerstand
z.B. in Pesth leiden unter denselben ursachen wie hier, und noch manchen
„Österreich wird meine Stimme erkennen lernen wie die Stimme Gottes in der Wüste“
Tagebücher 1839–1858, Volume II
- Title
- „Österreich wird meine Stimme erkennen lernen wie die Stimme Gottes in der Wüste“
- Subtitle
- Tagebücher 1839–1858
- Volume
- II
- Author
- Viktor Franz Freiherr von Andrian-Werburg
- Editor
- Franz Adlgasser
- Publisher
- Böhlau Verlag
- Location
- Wien
- Date
- 2011
- Language
- German
- License
- CC BY-NC-ND 4.0
- ISBN
- 978-3-205-78612-2
- Size
- 17.0 x 24.0 cm
- Pages
- 716
- Keywords
- Viktor Andrian-Werburg (1813 - 1858), Revolution 1848, Austrian Neoabsolutism, Austria future (1842), Late Vormärz, Reform and Repression
- Category
- Biographien