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Mai 1853
Wie gesagt, auf eine oder die andere Art hoffe ich, die dinge zu einer ent-
scheidung zu bringen, mag diese wie immer ausfallen, so ist es jedenfalls
ein gewinn. gut ist es übrigens, daß thatsachen und Aktenstücke, welche
längst in den Archiven des ministeriums schlummerten, jetzt durch jene
Purificationscommission ans Tageslicht gezogen worden sind.
der erste schritt, welchen ich zu thun entschlossen bin, wenn ich ein-
mahl die gewißheit habe, daß in oesterreich vor der hand für mich keine
Wirksamkeit zu erlangen sey, wird darin bestehen, daß ich nach deutsch-
land gehe und mich dort mit gustav lerchenfeld und mit stockmar bespre-
che, vielleicht läßt sich da etwas machen.
Bruck besuchte ich neulich, weil ich ihn überhaupt sehen wollte, und
dann wegen der miskolczer eisenbahn mit ihm zu sprechen hatte,1 von der
reise nach constantinopel sprach ich natürlich nicht, unter den jetzigen
umständen kann ich daran nicht denken. doch erwähnte ich gegen ihn
meines Wunsches, im Oriente Gelegenheit zur Thätigkeit zu finden. Er griff
die sache mit eifer auf, sagte, er werde sich von constantinopel aus damit
beschäftigen, klagte aber zugleich über die knickerey und kreuzerwirth-
schaft, welche jetzt mehr als je an der tagesordnung sey, während man im
großen millionen vergeudet. überhaupt war er sehr verstimmt und unzu-
frieden über Alles, was er hier gesehen und erfahren, über den gang, den
unsere Angelegenheiten nehmen, er bereut es, jenen Posten angenommen
zu haben, und scheint von der gerühmten unabhängigen stellung, welche
man gegen rußland annehmen zu wollen schien, nicht viel zu halten.
Auch erzherzog Johann und seine frau habe ich besucht, sie lamentirte
bitterlich über die isolirung und das mißtrauen, womit man ihren gemahl
umgebe, und welches er sehr schmerzlich empfinde.
Es ist mir unbegreiflich, wie man jetzt noch durch Rath und Vernunft
etwas erreichen zu können hoffen kann, fata trahunt, es ist schon viel zu
spät. der junge herr bildet sich mit riesenschritten aus, er verträgt schon
nicht mehr den leisesten Widerspruch, ja nur eine Bemerkung, die nicht
ganz in sein horn stößt. Alles kriecht und zittert vor ihm, und er verbindet
dann hohn mit dem drucke, laune und Willkür, keine idee von regen-
tenpflichten oder auch nur von Schonung oder Rücksichten, wir Alle sind
lediglich da, um ihm als spielzeug zu dienen, dabey kein grandioser, edler
funke in ihm, keine spur von güte oder herz. Willkür und laune in dem
1 die geplante Bahn von Pest über miskolcz und kaschau sollte die verbindung zur eben-
falls projektierten galizischen Bahn herstellen. die konzession erhielt schließlich 1856 die
spätere theiss-eisenbahn-gesellschaft, an der neben der credit-Anstalt und deutschem
kapital um den Bankier louis haber maßgeblich ungarische magnaten unter der führung
von graf georg Andrássy beteiligt waren. in welchem Zusammenhang Andrian hier bei
frh. karl ludwig v. Bruck intervenierte, ließ sich nicht feststellen.
„Österreich wird meine Stimme erkennen lernen wie die Stimme Gottes in der Wüste“
Tagebücher 1839–1858, Volume II
- Title
- „Österreich wird meine Stimme erkennen lernen wie die Stimme Gottes in der Wüste“
- Subtitle
- Tagebücher 1839–1858
- Volume
- II
- Author
- Viktor Franz Freiherr von Andrian-Werburg
- Editor
- Franz Adlgasser
- Publisher
- Böhlau Verlag
- Location
- Wien
- Date
- 2011
- Language
- German
- License
- CC BY-NC-ND 4.0
- ISBN
- 978-3-205-78612-2
- Size
- 17.0 x 24.0 cm
- Pages
- 716
- Keywords
- Viktor Andrian-Werburg (1813 - 1858), Revolution 1848, Austrian Neoabsolutism, Austria future (1842), Late Vormärz, Reform and Repression
- Category
- Biographien