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„Österreich wird meine Stimme erkennen lernen wie die Stimme Gottes in der Wüste“ - Tagebücher 1839–1858, Band II
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65120. Mai 1853 Wie gesagt, auf eine oder die andere Art hoffe ich, die dinge zu einer ent- scheidung zu bringen, mag diese wie immer ausfallen, so ist es jedenfalls ein gewinn. gut ist es übrigens, daß thatsachen und Aktenstücke, welche längst in den Archiven des ministeriums schlummerten, jetzt durch jene Purificationscommission ans Tageslicht gezogen worden sind. der erste schritt, welchen ich zu thun entschlossen bin, wenn ich ein- mahl die gewißheit habe, daß in oesterreich vor der hand für mich keine Wirksamkeit zu erlangen sey, wird darin bestehen, daß ich nach deutsch- land gehe und mich dort mit gustav lerchenfeld und mit stockmar bespre- che, vielleicht läßt sich da etwas machen. Bruck besuchte ich neulich, weil ich ihn überhaupt sehen wollte, und dann wegen der miskolczer eisenbahn mit ihm zu sprechen hatte,1 von der reise nach constantinopel sprach ich natürlich nicht, unter den jetzigen umständen kann ich daran nicht denken. doch erwähnte ich gegen ihn meines Wunsches, im Oriente Gelegenheit zur Thätigkeit zu finden. Er griff die sache mit eifer auf, sagte, er werde sich von constantinopel aus damit beschäftigen, klagte aber zugleich über die knickerey und kreuzerwirth- schaft, welche jetzt mehr als je an der tagesordnung sey, während man im großen millionen vergeudet. überhaupt war er sehr verstimmt und unzu- frieden über Alles, was er hier gesehen und erfahren, über den gang, den unsere Angelegenheiten nehmen, er bereut es, jenen Posten angenommen zu haben, und scheint von der gerühmten unabhängigen stellung, welche man gegen rußland annehmen zu wollen schien, nicht viel zu halten. Auch erzherzog Johann und seine frau habe ich besucht, sie lamentirte bitterlich über die isolirung und das mißtrauen, womit man ihren gemahl umgebe, und welches er sehr schmerzlich empfinde. Es ist mir unbegreiflich, wie man jetzt noch durch Rath und Vernunft etwas erreichen zu können hoffen kann, fata trahunt, es ist schon viel zu spät. der junge herr bildet sich mit riesenschritten aus, er verträgt schon nicht mehr den leisesten Widerspruch, ja nur eine Bemerkung, die nicht ganz in sein horn stößt. Alles kriecht und zittert vor ihm, und er verbindet dann hohn mit dem drucke, laune und Willkür, keine idee von regen- tenpflichten oder auch nur von Schonung oder Rücksichten, wir Alle sind lediglich da, um ihm als spielzeug zu dienen, dabey kein grandioser, edler funke in ihm, keine spur von güte oder herz. Willkür und laune in dem 1 die geplante Bahn von Pest über miskolcz und kaschau sollte die verbindung zur eben- falls projektierten galizischen Bahn herstellen. die konzession erhielt schließlich 1856 die spätere theiss-eisenbahn-gesellschaft, an der neben der credit-Anstalt und deutschem kapital um den Bankier louis haber maßgeblich ungarische magnaten unter der führung von graf georg Andrássy beteiligt waren. in welchem Zusammenhang Andrian hier bei frh. karl ludwig v. Bruck intervenierte, ließ sich nicht feststellen.
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„Österreich wird meine Stimme erkennen lernen wie die Stimme Gottes in der Wüste“ Tagebücher 1839–1858, Band II
Entnommen aus der FWF-E-Book-Library
Titel
„Österreich wird meine Stimme erkennen lernen wie die Stimme Gottes in der Wüste“
Untertitel
Tagebücher 1839–1858
Band
II
Autor
Viktor Franz Freiherr von Andrian-Werburg
Herausgeber
Franz Adlgasser
Verlag
Böhlau Verlag
Ort
Wien
Datum
2011
Sprache
deutsch
Lizenz
CC BY-NC-ND 4.0
ISBN
978-3-205-78612-2
Abmessungen
17.0 x 24.0 cm
Seiten
716
Schlagwörter
Viktor Andrian-Werburg (1813 - 1858), Revolution 1848, Austrian Neoabsolutism, Austria future (1842), Late Vormärz, Reform and Repression
Kategorie
Biographien

Inhaltsverzeichnis

  1. Tagebücher 1848–1853 7
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