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„Österreich wird meine Stimme erkennen lernen wie die Stimme Gottes in der Wüste“ - Tagebücher 1839–1858, Volume II
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Tagebücher664 da wurde die sogenannte eitergeschwulst am 12. durch einen einschnitt eröffnet, es kam aber außerordentlich wenig eiter zum vorschein, was auch trotz aller angewandten mittel bis vor 1, höchstens 2 tagen fortgedauert hat, erst jetzt behaupten sie, daß sich etwas mehr Bewegung zeige, wäh- rend sie sich bisher immer über die beyspiellose torpidität meiner natur beklagt hatten. nun war ich aber durch Blutegel, diät, Zuhausebleiben, vorzüglich aber durch die furchtbaren schweiße, welche sich allnächtlich einstellten und erst seit 2–3 tagen aufgehört haben, so schwach geworden, wie ich kaum geglaubt, daß es ein mensch je werden könne. nun soll ich mich stärken, fleisch, Wein etc. zu mir nehmen, doch geht das sehr langsam, und ebenso mit dem Ausgehen. da schleppe ich mich mühsam zu einer Bank und bin froh, wenn ich wieder zu hause bin. dessenungeachtet fahre ich morgen ab, mit den Andrians nach hof. clementine soll hofdame bey der königinn werden, daher in Bamberg, wo sich die majestäten ein paar tage aufhalten wollen (sie sind nämlich jetzt in Berlin), ihnen vorgestellt werden, doch soll sich das wie zufällig finden. Andererseits ändert der könig seine rückreisepläne jeden tag, und ihn in Bamberg erwarten, was ich für das vernünftigste hielte, wollen sie nicht, da dieses zu gerede Anlaß geben würde (?!). kurz sie sind also schon seit 3–4 tagen sur le qui-vive, und es ist mir sehr angenehm, daß sich die sache bis jetzt verzog, meiner cur wegen, ebenso angenehm aber ist es mir jetzt zu gehen, luftveränderung wird mir gut thun. gesehen habe ich während meines (unvergeßlichen) Aufenthaltes hier keine seele, zum allergrößten glücke. der tag verging mir sogar ziemlich schnell: war ich allein, so las ich schlechte französische romane, ernsteres konnte ich nicht verdauen, oder Zeitungen. die orientalische frage ennuy- irte mich sehr, und nur zuweilen fand ich noch energie genug in mir, um mich über die jämmerliche rolle zu ärgern, welche wir spielen, solch’ eine gelegenheit pour remettre les choses sur un pied supportable! salzburg 26. July Abends Am 19., dem tage unserer festgesetzten Abreise von franzensbad, um 12 uhr mittags, also ein paar stunden vor der Abfahrt, stellte sich bey mir plötzlich ein sehr starkes fieber ein, welches mich ungefähr eine stunde lang beutelte, verbunden mit Bauchgrimmen etc. der Wundarzt, um den ich schickte, riß allen verband und cataplasmen weg, und in diesem Zu- stande setzte ich mich um 3 uhr in den Wagen. das fahren und die luft thaten mir eigentlich gut, dennoch war, als wir zwischen 8 und 9 uhr in hof ankamen, sowol fieber als Bauchgrimmen stärker, letzteres verwandelte sich in folge einer homöopathischen medicin, welche mir lenchen gab, in
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„Österreich wird meine Stimme erkennen lernen wie die Stimme Gottes in der Wüste“ Tagebücher 1839–1858, Volume II
Entnommen aus der FWF-E-Book-Library
Title
„Österreich wird meine Stimme erkennen lernen wie die Stimme Gottes in der Wüste“
Subtitle
Tagebücher 1839–1858
Volume
II
Author
Viktor Franz Freiherr von Andrian-Werburg
Editor
Franz Adlgasser
Publisher
Böhlau Verlag
Location
Wien
Date
2011
Language
German
License
CC BY-NC-ND 4.0
ISBN
978-3-205-78612-2
Size
17.0 x 24.0 cm
Pages
716
Keywords
Viktor Andrian-Werburg (1813 - 1858), Revolution 1848, Austrian Neoabsolutism, Austria future (1842), Late Vormärz, Reform and Repression
Category
Biographien

Table of contents

  1. Tagebücher 1848–1853 7
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