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Tagebücher664
da wurde die sogenannte eitergeschwulst am 12. durch einen einschnitt
eröffnet, es kam aber außerordentlich wenig eiter zum vorschein, was auch
trotz aller angewandten mittel bis vor 1, höchstens 2 tagen fortgedauert
hat, erst jetzt behaupten sie, daß sich etwas mehr Bewegung zeige, wäh-
rend sie sich bisher immer über die beyspiellose torpidität meiner natur
beklagt hatten.
nun war ich aber durch Blutegel, diät, Zuhausebleiben, vorzüglich aber
durch die furchtbaren schweiße, welche sich allnächtlich einstellten und
erst seit 2–3 tagen aufgehört haben, so schwach geworden, wie ich kaum
geglaubt, daß es ein mensch je werden könne. nun soll ich mich stärken,
fleisch, Wein etc. zu mir nehmen, doch geht das sehr langsam, und ebenso
mit dem Ausgehen. da schleppe ich mich mühsam zu einer Bank und bin
froh, wenn ich wieder zu hause bin.
dessenungeachtet fahre ich morgen ab, mit den Andrians nach hof.
clementine soll hofdame bey der königinn werden, daher in Bamberg, wo
sich die majestäten ein paar tage aufhalten wollen (sie sind nämlich jetzt
in Berlin), ihnen vorgestellt werden, doch soll sich das wie zufällig finden.
Andererseits ändert der könig seine rückreisepläne jeden tag, und ihn in
Bamberg erwarten, was ich für das vernünftigste hielte, wollen sie nicht,
da dieses zu gerede Anlaß geben würde (?!). kurz sie sind also schon seit
3–4 tagen sur le qui-vive, und es ist mir sehr angenehm, daß sich die sache
bis jetzt verzog, meiner cur wegen, ebenso angenehm aber ist es mir jetzt
zu gehen, luftveränderung wird mir gut thun.
gesehen habe ich während meines (unvergeßlichen) Aufenthaltes hier
keine seele, zum allergrößten glücke. der tag verging mir sogar ziemlich
schnell: war ich allein, so las ich schlechte französische romane, ernsteres
konnte ich nicht verdauen, oder Zeitungen. die orientalische frage ennuy-
irte mich sehr, und nur zuweilen fand ich noch energie genug in mir, um
mich über die jämmerliche rolle zu ärgern, welche wir spielen, solch’ eine
gelegenheit pour remettre les choses sur un pied supportable!
salzburg 26. July Abends
Am 19., dem tage unserer festgesetzten Abreise von franzensbad, um 12
uhr mittags, also ein paar stunden vor der Abfahrt, stellte sich bey mir
plötzlich ein sehr starkes fieber ein, welches mich ungefähr eine stunde
lang beutelte, verbunden mit Bauchgrimmen etc. der Wundarzt, um den
ich schickte, riß allen verband und cataplasmen weg, und in diesem Zu-
stande setzte ich mich um 3 uhr in den Wagen. das fahren und die luft
thaten mir eigentlich gut, dennoch war, als wir zwischen 8 und 9 uhr in hof
ankamen, sowol fieber als Bauchgrimmen stärker, letzteres verwandelte
sich in folge einer homöopathischen medicin, welche mir lenchen gab, in
„Österreich wird meine Stimme erkennen lernen wie die Stimme Gottes in der Wüste“
Tagebücher 1839–1858, Band II
- Titel
- „Österreich wird meine Stimme erkennen lernen wie die Stimme Gottes in der Wüste“
- Untertitel
- Tagebücher 1839–1858
- Band
- II
- Autor
- Viktor Franz Freiherr von Andrian-Werburg
- Herausgeber
- Franz Adlgasser
- Verlag
- Böhlau Verlag
- Ort
- Wien
- Datum
- 2011
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY-NC-ND 4.0
- ISBN
- 978-3-205-78612-2
- Abmessungen
- 17.0 x 24.0 cm
- Seiten
- 716
- Schlagwörter
- Viktor Andrian-Werburg (1813 - 1858), Revolution 1848, Austrian Neoabsolutism, Austria future (1842), Late Vormärz, Reform and Repression
- Kategorie
- Biographien