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Oktober 1853
daß, wenn es auch nominell zum kriege kommen sollte, sich dieser doch auf
gegenseitiges observiren und harceliren beschränken würde, da die donau
bey jetziger Jahreszeit fast unmöglich zu überschreiten ist. da könnte man
aber doch die rechnung ohne den Wirth gemacht haben, denn ist einmahl
der krieg erklärt, so hängt der Weltfriede an einem haare, die politischen
flüchtlinge allenthalben rüsten schon, um der türkey zuzuziehen, zugleich
führen england und frankreich, namentlich ersteres, eine sehr entschie-
dene und gereizte sprache gegen rußland, sie beschuldigen es mehr als
jemals der Zweydeutigkeit und falschheit, da die letzte note nesselrode’s
Alles, was man durch die Wiener conferenzen erreicht zu haben glaubte,
wieder in Abrede stelle und sich wieder auf den Boden der ursprünglichen
menzikoffschen forderungen stelle, nämlich das directe Protektorat über
die griechen in der türkey zu begehren.
ich glaube noch immer an keinen krieg, obwohl ich einsehe, daß er dieß-
mal an einem faden hängt, und die leidenschaft und der fanatismus der
türken (welcher übrigens jetzt ein sehr berechtigter ist) ganz unberechen-
bar sind, von ihnen allein könnte eine kriegserklärung erfolgen, weder
rußland noch viel weniger die Westmächte werden einen solchen schritt
thun.
kommt es aber zum kriege, so werden wir gegen unsern Willen und
noch weit mehr gegen unser interesse in kurzem zur theilnahme (in ir-
gend einer form) gezwungen werden. rußland hat uns nach und nach sehr
geschickt eingefädelt, die leitung unserer politischen Angelegenheiten ist,
seitdem seine majestät der kaiser dieselbe in so besondere Affection ge-
nommen haben, eine misérable, schwankend und ganz von persönlichen
gefühlen abhängig, man hat sich hier überreden lassen, daß der kampf
gegen die türkey ein kampf gegen das revolutionäre Prinzip sey, und da
sind natürlich alle leidenschaften los, weder ruhe noch einsicht genug,
um unsere wahren interessen zu erkennen. unsere lage ist wahrhaftig
weder im inneren noch nach Außen geeignet, einen krieg wagen zu dürfen.
Auf Preußen zähle ich à la longue nicht, mit Piemont und der schweiz sind
die differenzen im Zu- anstatt im Abnehmen, und wenn unsere gegner die
ideen des Jahres 1848 zu Bundesgenossen nehmen, so kann es uns schlecht
ergehen.
die Papiere fallen ungeheuer, ebenso die Wechselcourse, für mich wieder
eine ursache, um meine reise in den orient aufzuschieben, die nun wohl
im günstigsten falle kaum vor dem 10. kommenden monats erfolgen wird,
ich schrieb gestern an grünne, der vorgestern mit dem kaiser von War-
in olmütz ende september 1853 eingeleitete letzte vermittlungsversuch österreichs blieb
erfolglos.
„Österreich wird meine Stimme erkennen lernen wie die Stimme Gottes in der Wüste“
Tagebücher 1839–1858, Volume II
- Title
- „Österreich wird meine Stimme erkennen lernen wie die Stimme Gottes in der Wüste“
- Subtitle
- Tagebücher 1839–1858
- Volume
- II
- Author
- Viktor Franz Freiherr von Andrian-Werburg
- Editor
- Franz Adlgasser
- Publisher
- Böhlau Verlag
- Location
- Wien
- Date
- 2011
- Language
- German
- License
- CC BY-NC-ND 4.0
- ISBN
- 978-3-205-78612-2
- Size
- 17.0 x 24.0 cm
- Pages
- 716
- Keywords
- Viktor Andrian-Werburg (1813 - 1858), Revolution 1848, Austrian Neoabsolutism, Austria future (1842), Late Vormärz, Reform and Repression
- Category
- Biographien