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November 1853
nirt mir die englische gesellschaft im ganzen besser, was mich aber vor-
nehmlich anlockte, war das vorhandenseyn eines salons und readingrooms
mit Zeitungen. denn da es hier nur ein (wie ich höre) äußerst schlechtes
italienisches theater und gar keine sonstigen ressourcen gibt, so blieb mir
im hôtel d’orient meistentheils nichts Anderes übrig, als mich gleich nach
tische, also um etwa 7 uhr Abends, in mein Zimmer zurückzuziehen und
da bis zum schlafengehen zu verbleiben.
überhaupt kann man eben nicht sagen, daß ein längerer Aufenthalt in
cairo zu den angenehmeren dingen gehöre. Abgesehen davon, daß man
eine menge dinge entbehren muß, daß man bey aller möglichen sorgfalt
dennoch immer von ungeziefer und unreinlichkeit geplagt wird, daß der
intelligenteste arabische Bediente dennoch immer ein halber Wilder bleibt,
hat man auch, wie ich glaube, sehr wenige ressourcen des geistes und der
gesellschaft, man müßte denn sich für ägyptische Alterthümer und ge-
schichte interessiren, wie es die meisten der gebildeteren hier lebenden
europäer thun, theils weil sie diese liebhaberey aus der heimath mit sich
brachten, theils weil sie sie aus langer Weile etc. hier ergriffen. nun muß
ich sagen, daß ich für dergleichen nicht das geringste interesse habe. ich
tauge überhaupt nicht zum geschichtsforscher, am allerwenigsten aber für
solche antediluvianische Epochen, deren praktischer Einfluß auf die Ge-
genwart nicht abzusehen ist, mich interessiren die politischen momente
und resultate, und da ist allerdings vieles merkwürdige zu beobachten.
mit Ausnahme jener gebildeteren aber ist die hiesige europäische gesell-
schaft, wie mir scheint, wenig der mühe werth, sie kennen zu lernen. ich
brachte ein paar Abende bey champion zu und lernte unter Anderem eine
tochter desselben, welche in Alexandria verheirathet ist, kennen, eine sehr
liebenswürdige geistreiche hübsche frau. vorgestern aß ich bey ihm mit
huber und marinelli, einem Priester aus s. florian, welcher von einer Pil-
gerfahrt nach Jerusalem heimkehrt, und es wurde da außer der meinigen
auf die gesundheit der zukünftigen kaiserinn getrunken. Abends führte
mich champion in das haus eines vetters von ihm, ein obristleutnant und
leibarzt cuggini, wo musik gemacht und getanzt wurde.
huber kam den tag nach meiner zweymahligen visite zu mir, um sich
zu entschuldigen, und wir sind seitdem sehr gute freunde geworden. er
ist ein mensch von geist, kenntnissen und sehr vielen Worten, cyniker im
Ausdrucke, oft unüberlegt in seinen reden, der aber seine stellung voll-
kommen ausfüllt, der vormärzlichen liberalen schule angehörend. Wir un-
ternahmen neulich mit marinelli einen ritt nach den herrlichen chalifen-
gräbern, in folge dessen ich ein paar tage meine Beine nicht spürte, sonst
habe ich von merkwürdigkeiten bisher die citadelle, einige moscheen, etc.
gesehen. viel ist nicht zu sehen. die excursion zu den Pyramiden hebe
„Österreich wird meine Stimme erkennen lernen wie die Stimme Gottes in der Wüste“
Tagebücher 1839–1858, Volume II
- Title
- „Österreich wird meine Stimme erkennen lernen wie die Stimme Gottes in der Wüste“
- Subtitle
- Tagebücher 1839–1858
- Volume
- II
- Author
- Viktor Franz Freiherr von Andrian-Werburg
- Editor
- Franz Adlgasser
- Publisher
- Böhlau Verlag
- Location
- Wien
- Date
- 2011
- Language
- German
- License
- CC BY-NC-ND 4.0
- ISBN
- 978-3-205-78612-2
- Size
- 17.0 x 24.0 cm
- Pages
- 716
- Keywords
- Viktor Andrian-Werburg (1813 - 1858), Revolution 1848, Austrian Neoabsolutism, Austria future (1842), Late Vormärz, Reform and Repression
- Category
- Biographien