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Dezember 1853
Beduinen aus tunis, tripolis etc. durch schönheit und edle haltung auf,
in beydem war der contrast mit der ägyptischen Bevölkerung auffallend.
meine gesundheit ist bedeutend besser, obwohl noch immer so, daß ich
vorsicht haben muß, ich curire mich, ganz in meiner gewohnten europaei-
schen Weise, mit gutem Bordeauxweine.
ich habe wieder mit meinem dragoman mehrere längere Wanderungen
durch die stadt gemacht, in der es des interessanten und Bemerkenswerthen
so viel gibt, wenn nur der entsetzliche schmutz und gestank nicht wäre,
ich sah mir einige moscheen an, worunter mir die el-Azhar besonders ge-
fiel, alle andern sehen sich, wenigstens von Innen, mehr oder weniger gleich,
die mehemet Alis in der citadelle ausgenommen, welche einen ganz aparten
mehr europäischen styl (à la Pantheon) hat, dann sah ich mehrere khans,
Bazaars, die Wohnung des cadis etc. mohammed scheint ein sehr orthodoxer
türke zu seyn (er war 2mal in mecca) und will mich nicht in die moscheen
hineinlassen wie sein vorgänger hassan effendi, der ein glatter spitzbube
war. Auch sonst scheint er etwas schwerfällig und langsamen verstandes, so
daß er meine Ungeduld sehr häufig reizt, wie dieß überhaupt meine schwa-
che seite ist, es ist überhaupt eine gewohnheit der Araber, in Allem sehr
langsam und weitschweifig zu seyn und auf nichts eine bestimmte positive
Antwort zu haben, und mir ist nichts unerträglicher als gerade dieses.
meine reiseangelegenheit hat wenig fortschritte gemacht, soviel weiß
ich, daß in Bulek über 20 Barken bereit liegen, und daß bey der sehr gerin-
gen Anzahl reisender, welche wenigstens bis jetzt hier sind (und die sich
bey den politischen constellationen wie sie sind, schwerlich sehr vermeh-
ren dürfte) die Preise niedriger stellen dürften als in andern Jahren, einen
reisegefährten habe ich wahrscheinlich schon gefunden, ein mr. freeman,
ein ganz wohlerzogen aussehender junger engländer, der hier im hôtel
wohnt, auch mit einem zweyten habe ich gesprochen, einem französischen
schriftsteller m. charles didier, der mir aber unentschlossen, knauserig
und dabey geneigt scheint, praepotent zu werden. Jedenfalls will ich gerne
den 12.–15. dieses monats abreisen.
neulich besuchte ich den sklavenmarkt, ein scheußlich ekelhaftes Zeug.
seit gestern ist es in diesem hôtel außerordentlich belebt, da die rei-
senden aus indien angelangt sind und morgen weiter gehen. das ist eine
kleine Abwechslung, bewunderungswürdige kerle sind diese engländer,
die ganze Welt ist ihnen wie ein schachbrett, diese thätigkeit, dieser un-
ternehmungsgeist, da ist ein leutnant Burton hier, kaum 30 Jahre alt, war
als Pilger mit der caravane in mecca, mußte daher als mohamedaner rei-
sen und kennt ihre sprache und sitten aus dem grunde, will nun zu fuße
nach dem sinai wandern und dann mit einer englischen expedition quer
durch Africa ziehen.
„Österreich wird meine Stimme erkennen lernen wie die Stimme Gottes in der Wüste“
Tagebücher 1839–1858, Volume II
- Title
- „Österreich wird meine Stimme erkennen lernen wie die Stimme Gottes in der Wüste“
- Subtitle
- Tagebücher 1839–1858
- Volume
- II
- Author
- Viktor Franz Freiherr von Andrian-Werburg
- Editor
- Franz Adlgasser
- Publisher
- Böhlau Verlag
- Location
- Wien
- Date
- 2011
- Language
- German
- License
- CC BY-NC-ND 4.0
- ISBN
- 978-3-205-78612-2
- Size
- 17.0 x 24.0 cm
- Pages
- 716
- Keywords
- Viktor Andrian-Werburg (1813 - 1858), Revolution 1848, Austrian Neoabsolutism, Austria future (1842), Late Vormärz, Reform and Repression
- Category
- Biographien