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Dezember 1853
die Wärme bis gegen 20° r. Auffallend ist der unterschied in der tages-
länge gegen unsere länder, wir zünden jetzt die lichter kaum vor 6 uhr
des Abends an, obwohl die dämmerung höchstens eine halbe stunde dau-
ert.
in diesen tagen wurde hier eine türkinn, welche vor 2 Jahren von ihrem
Manne (einem angesehenen Beamten, glaube ich) entflohen war und seit
jener Zeit bey einem hiesigen griechen verborgen lebte und von ihm ein
kind hatte, von der egyptischen Polizey, welche sie durch diese 2 Jahre ver-
gebens gesucht hatte, in dem Augenblicke ergriffen, als sie beym griechi-
schen consulate sich zum übertritte zum christenthume meldete, in einen
4spännigen Wagen gesetzt und abgeführt. niemand weiß seitdem, was mit
ihr geschehen. das gesetz ist, daß sie in einem sacke in den nil geworfen
werden soll.
An Bord der victoria, 12 englische meilen südlich von cairo 16. december
unsere Abreise, welche am 12. statthaben sollte, wurde bis vorgestern ver-
schoben. Zuerst war es die festlichkeit des doseh und dann die conträren
Winde, welche uns dazu bewogen.
Am 12. mittags fand nämlich unter großem Zusammenlaufe von men-
schen das berühmte doseh fest, d.i. die feyer des geburtstages des Pro-
pheten, statt, auf der ezbekieh, wenige schritte von meinem hôtel, ich sah
es ganz nahe und bequem von dem dache eines niedrigen stalles an, nur
gênirte mich die sonne und die furcht vor dem einsturze des sehr baufäl-
ligen gebäudes. gegen 2 uhr erschien der scheik des betreffenden der-
wischordens der saadieh, und da warfen sich viele hunderte mit einer Art
Wuth auf den Boden, wurden von ein paar sachverständigen in die rechte
lage gebracht, worauf der scheik ebenfalls in einem Zustande von rausch
oder Begeisterung über sie weg ritt, einige wurden hinweggetragen, doch
schien keinem viel geschehen zu seyn, was auch bey der Art, wie das Pferd
auftrat, mit dem einen fuße auf die schultern, mit dem Andern auf die
Hintern tretend, begreiflich ist. Mir erschien die Sache weniger widerlich
als der Zikr der derwische in Altcairo.
die ganze ceremonie wurde nachher im kleineren maaßstabe im hofe
des hauses des scheik el Bekri wiederholt. dieser letztere ist das haupt
der familie Abebekrs und nebst einem anderen ähnlichen familienhaupte
die einzige erbliche illustration in Aegypten, er ist sehr reich und so ange-
sehen, daß ihn sogar der Pascha fürchtet, und er keine dienste, und wären
es auch die höchsten, annimmt.
Bey gelegenheit der doseh war schon seit 8 tagen eine Art volksfest in
der nähe unseres gasthofes, daher hütten, Zelte etc. aufgeschlagen, und
da gab es Abends immer allerhand zu sehen: Zikrs, tänze, musik, schlan-
„Österreich wird meine Stimme erkennen lernen wie die Stimme Gottes in der Wüste“
Tagebücher 1839–1858, Volume II
- Title
- „Österreich wird meine Stimme erkennen lernen wie die Stimme Gottes in der Wüste“
- Subtitle
- Tagebücher 1839–1858
- Volume
- II
- Author
- Viktor Franz Freiherr von Andrian-Werburg
- Editor
- Franz Adlgasser
- Publisher
- Böhlau Verlag
- Location
- Wien
- Date
- 2011
- Language
- German
- License
- CC BY-NC-ND 4.0
- ISBN
- 978-3-205-78612-2
- Size
- 17.0 x 24.0 cm
- Pages
- 716
- Keywords
- Viktor Andrian-Werburg (1813 - 1858), Revolution 1848, Austrian Neoabsolutism, Austria future (1842), Late Vormärz, Reform and Repression
- Category
- Biographien