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Zu den Selbstverständlichkeiten der untersuchten Gesellschaften gehörte offenbar, daß
es Gruppen von Musikanten gab, mit denen sich lokale Gemeinschaften identifizieren
konnten und die mit lokalen Gemeinschaften identifiziert wurden. Geographische Her-
künfte wurden possessiv, die Musikkapellen Teil des Ganzen.132
Dass die Oberdorfer Blasmusikkapelle nach entsprechender Unterstützung der
sozialdemokratischen Partei in einen Arbeitermusikverein umbenannt wurde, also
als Teil einer politischen Bewegung auftrat, tat ihrer Einbindung in die Dorfge-
meinschaft nach Bergmanns Beschreibung keinen Abbruch. Passend zum Charakter
der Dorfmusik fanden sich in Bergmanns Erzählung keine Auftritte außerhalb des
politischen Bezirks oder gar des Geburtsbundeslandes. In starkem Gegensatz zum
Musizieren im Kunstbetrieb, für das überregionale Mobilität eine Voraussetzung
und ein Kennzeichen war, blieb man hier im Ort. Daher wurde auch der Erfolg vor
allem daran gemessen, „daß wir im Bezirk Voitsberg als durchaus ernstzunehmende
Musikkapelle registriert waren!“.133
Bergmanns Beschäftigung mit Musik war nicht auf ein in der Zukunft liegendes
musikalisches Leben – eine Musikerkarriere – gerichtet. Dementsprechend zeigen
sich Unterschiede im Zugang zur musikalischen Ausbildung. KünstlerInnen legten
großen Wert auf die Auseinandersetzung mit und die Verbesserung von individu-
ellen Talenten und Fähigkeiten, die Grundlage für ihr lebenslanges, erfolgreiches
und immer besser entwickeltes Musizieren sein sollten. Bei Bergmann hingegen
stand die Aneignung musikalischer Fertigkeiten, die auf Auftritte in der unmittel-
baren Zukunft hin ausgerichtet waren, im Vordergrund.134 Dies wird auch in einer
von ihm erzählten Episode dargestellt:
Eines Tages, kurz vor einem Auftritt, streikte mein Freund Martin Hoffmann, der ein-
zige in unserem Orchester, der die tiefere Cello- Mandoline zu spielen gelernt hatte.
[…]
In wenigen Minuten hatte ich seinen Part, der sich im wesentlichen auf die Baßfunktion
beschränkte, so weit drauf, daß unser Konzert gerettet war. Martin Hoffmann hat darauf-
hin nie wieder gestreikt!135
132 Ecker, Melodie, 168.
133 Bergmann, Leben, 57.
134 Vgl. in diesem Zusammenhang auch den Begriff des „Abrichtens“, der für die musikalische
Ausbildung von Land- und VolksmusikerInnen in der Alpenländischen Musiker- Zeitung
bzw. dem Österreichischen Land- und Volksmusiker immer wieder verwendet wurde.
135 Bergmann, Leben, 42.
Open Access © 2019 by BÖHLAU VERLAG GMBH & CO. KG, WIEN KÖLN WEIMAR
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Über die Produktion von Tönen
Beziehungen von Arbeit und Musizieren, Österreich 1918 – 1938
- Title
- Über die Produktion von Tönen
- Subtitle
- Beziehungen von Arbeit und Musizieren, Österreich 1918 – 1938
- Author
- Georg Schinko
- Location
- Wien
- Date
- 2019
- Language
- German
- License
- CC BY 4.0
- ISBN
- 978-3-205-20802-0
- Size
- 15.5 x 23.5 cm
- Pages
- 310
- Keywords
- Music-making, Musician, Work, Vocation, Art, Austria, Correspondence analysis, Life Writing, Interwar period --- Musizieren, Musiker, Arbeit, Beruf, Kunst, Österreich, Korrespondenzanalyse, Lebensgeschichtliche Erzählung, Zwischenkriegszeit
- Category
- Kunst und Kultur