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Dieses schnelle und anlassbezogene Erlernen des Musizierens zeigte sich auch
an der regulären Ausbildung Bergmanns. Ziel der Ausbildung war – neben dem
Erwerb musikalischer Grundkenntnisse – der Aufbau eines in vielen Situationen
verwendbaren, einfach zu spielenden Repertoires. Für eine so angelegte Ausbildung
war es nicht notwendig, sich auf die individuelle und schöpferische Entwicklung
zu beziehen. Der/die LehrerIn musste nur über allgemein anerkannte musikalische
Kenntnisse verfügen. Dementsprechend beschränkt sich Bergmanns Beschreibung
der musikalischen Ausbildung auch auf die Erwähnung eines „sowohl brauchba-
ren als auch äußerst billigen Lehrer[s]“ 136 bzw. auf die Anforderung „daheim fleißig
zu üben“.137 Die Ausrichtung der Ausbildung auf konkrete Auftritte hin (anstelle
der Entwicklung im Sinne einer zukünftigen Karriere) zeigt sich auch an deren
Darstellung im Zusammenhang mit bestimmten Anlässen („Schon nach wenigen
Monaten brachten wir bei den verschiedensten örtlichen Anlässen eine ganz neue,
sehr willkommene Note ins Programm.“ 138). Solche Anlässe (wie die Republikfeier
im November 1931) waren Fixpunkte, zu denen musiziert wurde und für die auch
ein entsprechendes Programm einstudiert werden musste.
Bergmanns Konstruktion seines Musizierens stellte einen Gegenentwurf zur
zentralen Referenz von Musizieren als Kunst dar. Seine Erzählung kann dennoch
nicht nur als Mangelerzählung
– als Nicht- Künstler- Sein
– gelesen werden. Für die
Konstruktion des Land- bzw. Volksmusikers gab es in der untersuchten Periode Vor-
bilder abseits des künstlerischen Musizierens, auf die man sich beziehen bzw. deren
Begriffe man verwenden konnte.139 Dass die wirkmächtigsten Konstruktionen des
Land- bzw. Volksmusikers
/ der Land- bzw. Volksmusikerin in der Alpenländischen
Musiker- Zeitung bzw. dem Österreichischen Land- und Volksmusiker konservativ-
bäuerlich bzw. nationalsozialistisch beeinflusst waren und damit im Gegensatz zu
Bergmanns Parteizugehörigkeit standen, schien in diesem Zusammenhang keine
große Rolle zu spielen. Bergmanns Charakterisierung seiner Ausbildung, seine
Beschreibung der Musikkapellen als Dorfmusik und nicht zuletzt auch seine Erwäh-
nung des eigenen „Idealismus“ 140 nahmen allesamt Bezug auf diese Konstruktion.
136 Ebd., 41.
137 Ebd., 56.
138 Ebd., 42.
139 Für eine genauere Darstellung siehe die Einleitung von Kapitel 6.
140 Bergmann, Leben, 55. Vgl. dazu etwa Alpenländische Musiker- Zeitung (1932), Nr. 1, 11:
„Darum junge Musiker lernt, […] seid Idealisten, verwendet Eure freie Zeit zum Studium
der Musik“. Kunst erzählen: Exemplarische Lebensgeschichten 141
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Über die Produktion von Tönen
Beziehungen von Arbeit und Musizieren, Österreich 1918 – 1938
- Title
- Über die Produktion von Tönen
- Subtitle
- Beziehungen von Arbeit und Musizieren, Österreich 1918 – 1938
- Author
- Georg Schinko
- Location
- Wien
- Date
- 2019
- Language
- German
- License
- CC BY 4.0
- ISBN
- 978-3-205-20802-0
- Size
- 15.5 x 23.5 cm
- Pages
- 310
- Keywords
- Music-making, Musician, Work, Vocation, Art, Austria, Correspondence analysis, Life Writing, Interwar period --- Musizieren, Musiker, Arbeit, Beruf, Kunst, Österreich, Korrespondenzanalyse, Lebensgeschichtliche Erzählung, Zwischenkriegszeit
- Category
- Kunst und Kultur